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Gesundheitsrisiko Verkehrslärm Jeder dritte Bundesbürger fühlt sich belästigt

Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes in Dessau, nennt Lärm ein gravierendes Umweltproblem. In einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau fordert er Temporeduzierungen auf Straßen und einen besseren Schutz der nächtlichen Ruhe.

20.02.2011 15:48
Jochen Flasbarth ist seit 2009 Präsident des Umweltbundesamtes. Foto: dpa

Wie stark sind Menschen in Großstädten wie Frankfurt vom Verkehrslärm betroffen?

In unserem dicht besiedelten und verkehrsreichen Land sind weite Teile der Bevölkerung vom Verkehrslärm betroffen. Es kommt allerdings immer darauf an, wo man wohnt: Auch in der Großstadt kann man ruhig wohnen, auf dem Dorf dagegen kann der Straßenverkehrslärm unerträglich sein. Je stärker die Straße befahren ist, je näher sie an der Wohnbebauung liegt, desto höher ist die Lärmbetroffenheit. Die Lärmbelastung durch Straßenverkehr muss in Großstädten nicht zwangsläufig größer als in kleineren Städten sein. Dies gilt nicht nur für den Straßenverkehrslärm, sondern auch für den Luftverkehr und den Schienenverkehr.

Warum ist die Sensibilität für diese Art des Lärms noch nicht so ausgeprägt wie bei Fluglärm?

Ich teile Ihre Einschätzung nicht. Ganz im Gegenteil: Seit Jahren ist die Belästigung durch Straßenverkehrslärm deutlich größer als die Belästigung, die durch die anderen Verkehrslärmquellen hervorgerufen wird. In einer aktuellen Repräsentativbefragung des Umweltbundesamtes gab mehr als die Hälfte der Befragten an, durch Straßenverkehrslärm belästigt zu sein. Nach dem Straßenverkehr ist der Luftverkehr die bedeutendste verkehrsbedingte Ursache für Lärmbelästigungen in Deutschland: Bundesweit fühlt sich fast jeder Dritte durch Fluglärm belästigt.

Wie schätzen Sie die Wirkung der Lärmaktionspläne ein?

Die Lärmaktionspläne, also die konkrete Planung und Realisierung der Lärmminderungsmaßnahmen, sind ein wichtiger Baustein für eine wirkungsvolle Lärmschutzpolitik. Besondere Bedeutung kommt der Öffentlichkeitsbeteiligung zu. Im Rahmen der Lärmaktionsplanung können die Bürgerinnen und Bürger ihre Lärmprobleme einbringen und Lösungsvorschläge unterbreiten. Damit können Lärmminderungsmaßnahmen sehr zielgerichtet ergriffen werden. Die Lärmaktionspläne haben nicht nur in Hessen, sondern in ganz Deutschland eine besondere Bedeutung für Lärmschutz. Da die Lärmaktionspläne auf einer europäischen Richtlinie basieren, gilt dies auch für unsere europäischen Nachbarn.

Wo muss nachgebessert werden?

Wie gesagt, Lärm ist ein gravierendes Umweltproblem. Wir sind zwar auf gutem Wege, aber noch lange nicht am Ziel einer ruhigen und damit lebenswerteren Stadt. Die Lärmaktionspläne werden derzeit nur für Hauptverkehrswege aufgestellt, also dort wo besondere Lärmbelastungen bestehen. Lärmprobleme gibt es aber auch an weniger stark befahrenen Straßen, auch hier muss natürlich gehandelt werden. Die europäische Umgebungslärmrichtlinie greift dieses Problem auf und sieht ab dem Jahr 2013 eine Ausweitung des Geltungsbereichs vor. Dann werden auch für weitere Straßen und Schienenwege Lärmaktionspläne aufgestellt und damit auch dort die notwendigen Lärmminderungsmaßnahmen getroffen.

Welche Wirkung hat die Ausweisung von Tempo-30-Abschnitten nachts auf Hauptverkehrsstraßen in Großstädten?

Durch Tempo 30 reduziert sich der Mittelungspegel im Vergleich zu Tempo 50 um zwei bis drei dB(A), was knapp einer Halbierung der Verkehrsmenge entspricht. Mit fünf bis neun dB(A) noch deutlicher ist der Unterschied bei den Spitzenpegeln, die nachts unseren Schlaf stören. Tempo 30, insbesondere nachts und auch auf Hauptverkehrsstraßen, ist somit eine äußerst wirksame und kostengünstige Maßnahme zur Lärmminderung.

Welche Maßnahmen favorisieren Sie darüber hinaus?

Die für unsere Gesundheit so wichtige Nachtruhe sollten wir wirklich ernst nehmen und neben dem gerade erwähnten Tempo-30 zum Beispiel nächtliche Fahrverbote für Lkw auf vielen Straßenabschnitten einführen. Erwähnen möchte ich auch viel versprechende Entwicklungen bei lärmarmen Straßenbelägen. Außerdem müssen wir aber über Einzelmaßnahmen hinaus grundsätzlich überdenken, wie wir in Ballungsräumen Mobilität möglichst nachhaltig erreichen können. Dabei spielt der ÖPNV sicher eine zentrale Rolle, aber auch der Fußgänger- und Radverkehr sollte gefördert und gestärkt werden – für die Gesundheit ein doppelter Gewinn.

Interview: Jürgen Schultheis

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