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Geschwisterzeit „Hier stehen sie mal im Mittelpunkt“

Sozialarbeiter Joshua Wolter leitet das Projekt Geschwisterzeit. Es bietet Angebote für Kinder deren Geschwister behindert oder krank sind.

Joshua Wolter
Joshua Wolter leitet gemeinsam mit Nina Vietzke das Projekt Geschwisterzeit Rhein-Main. Foto: Steven Micksch

Seit Anfang 2017 gibt es das Projekt Geschwisterzeit Rhein-Main. Die Trägerschaft haben die Rhein-Main-Bildung gGmbH und der Verein „Komm – Ambulante Dienste“ übernommen. Ziel ist es, sich um Geschwister von Kindern mit Behinderung oder mit einer schweren Krankheit zu kümmern. Auch Kinder, deren Schwester oder Bruder bereits gestorben ist, werden betreut. Den Kindern werden monatlich kostenfreie Aktionen geboten, in denen sie mit Kindern, die gleiche Erfahrungen gemacht haben, zusammen Zeit verbringen und sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern können. Die FR sprach mit Projektleiter Joshua Wolter über die Hintergründe und Aktionen des Projekts.

Herr Wolter, wieso gibt es dieses Projekt?
Wir haben beobachtet, dass es für Geschwister im familiären Alltag häufig eine Herausforderung sein kann, wenn das Geschwisterkind eine Behinderung hat oder schwer erkrankt ist. Bei den Geschwistern kann das berechtigte Gefühl entstehen, zu kurz zu kommen, wenn es um die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Interessen geht, da sie auf Grund der Ausnahmesituation häufig Rücksicht und Verzicht in Kauf nehmen müssen. Wir sind davon überzeugt, dass die betroffenen Familien ihre Situation individuell sehr gut meistern. Deshalb wollen wir eine Ergänzung bieten – sozusagen einen sicheren Hafen, wo die Geschwister einmal im Mittelpunkt stehen.

Ist das eher ein moderner Ansatz?
Die Geschwisterbegleitung entwickelt sich seit knapp 20 Jahren Stück für Stück in Deutschland. Es gibt etablierte Projekte, die seit dieser Zeit dabei sind. Seit etwa zehn Jahren gewinnt das Feld richtig an Bedeutung. Mittlerweile gibt es etwa 350 Projekte in Deutschland. Es hängt dabei auch mit der Entwicklung der Pädagogik zusammen. Man nimmt die ganze Familie als System in den Blick. Wenn jemand beispielsweise erkrankt ist, ist das oftmals eine Herausforderung für alle Familienmitglieder. Auf Deutschlandebene existiert seit 2012 die Stiftung Familienbande, die sich zum Ziel gesetzt hat, ein Bewusstsein für das Thema zu wecken und vorhandene Projekte zu vernetzen und auffindbar zu machen. Außerdem haben die Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Sozialmedizin in Augsburg ein tolles, bedarfsgerechtes Präventionsprogramm für Geschwister und eine Weiterbildung zur Fachkraft für Geschwister entwickelt, welche sich Stück für Stück in Deutschland etablieren.

Was passiert, wenn man sich nicht so explizit um die gesunden Geschwister kümmert?
Pauschal kann ich das nicht sagen. Wir pathologisieren die Geschwisterkinder nicht und sagen den Eltern, dass sie zwingend zu uns kommen müssen, sonst bekommt ihr Kind in fünf Jahren ein Problem. Aktuelle Studien zeigen, dass bei etwa 60 Prozent der betroffenen Geschwister eine erhöhte psychosoziale Belastung beobachtet werden konnte. Dabei gibt es geringe, mittelgradige und hohe Belastungen. Den ersten beiden Gruppen kann mit Angeboten wie unserem, sehr gut geholfen werden. Letztere hoffen wir über unser Angebot in den Blick zu bekommen, um sie nach Bedarf an individuelle Beratungsangebote weitervermitteln zu können. Wir wollen ein Angebot schaffen, das den Geschwistern die Möglichkeit bietet, das auszusuchen, was ihnen hilft. Es ist ein präventiver Ansatz, etwas das den Kindern guttut, unabhängig davon ob das Kind ein Problem damit hat, dass sein Bruder oder seine Schwester eine Behinderung hat oder nicht. Die Eltern merken oftmals nach der ersten Freizeit, dass ihr Kind aufgeblüht zurückkommt und geben uns viele positive Rückmeldungen. Die Wirkung auf die Kinder ist etwas, was man erfahren und sehen muss und nicht einfach gesagt bekommen kann.

Was veranstalten Sie mit den Geschwistern?
Zweimal im Monat gibt es jeweils für unsere beiden Altersgruppen einen Geschwisterclub. Wir haben die 7- bis 12-Jährigen und die 12- bis 17-Jährigen. Beim Club sind wir für drei Stunden in unserem Büro präsent. Die Kinder können kommen, um mal mit uns zu sprechen, zu spielen oder auch Vorschläge zu machen, wonach ihnen der Sinn steht. Darüber hinaus gibt es die Geschwistertage. Einmal im Monat an einem Samstag unternehmen wir etwas. Das sind in der Regel erlebnispädagogische oder kreative Erlebnisse. Beispielsweise besuchen wir einen Mittelaltermarkt, gehen in den Wildpark oder basteln Jonglageausrüstung, um es anschließend auszuprobieren.

Gibt es weitere Unternehmungen?
Ja. Einmal im Jahr soll jedes Kind auch an mindestens einer unserer Ferienfreizeiten teilnehmen können. Beispielsweise gibt es unsere Filmfreizeit, wo wir einen Bauernhof in Bayern besuchen. Unter professioneller Anleitung drehen die Kinder dann Filme, die wir uns später mit den Familien zusammen anschauen. In diesem Jahr organisieren wir mit unseren Netzwerkpartnern, dem Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst, dem Frankfurter Kinderbüro und dem Projekt „Wir“ von der Lebenshilfe auch zum ersten Mal ein Familiensommerfest. Dort wollen wir auch die Eltern mit ins Boot holen um ein ganzheitliches Angebot zu schaffen.

Interview: Steven Micksch

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