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Gefunden Ein Stück Mittelalter

Bei Bauarbeiten am Börneplatz sind Überreste des mittelalterlichen Mönchsturms gefunden worden. Das Besondere: Es ist der erste nördlich des Mains gefundene Wachturm.

27.07.2011 21:30
Sandra Müller
Unter dem Pflaster – da liegt manchmal auch Geschichte. Foto: Arnold

Wer in letzter Zeit die Kurt-Schumacher-Straße in der Frankfurter Innenstadt entlanggefahren oder -gelaufen ist, der kennt die große Baustelle vor dem Museum Judengasse. Es wird gebaggert, gehämmert und gebohrt. Die Straße ist bis zur Hälfte aufgerissen, gelbe Linien und provisorische Ampeln leiten auf der anderen Hälfte den Verkehr.

Doch am Dienstag stand die Baustelle still. Und anstelle der Arbeiter hockt Hans-Jürgen Semmler in einer Grube mitten in der Baustelle – er gräbt, schaufelt und kratzt. Stück für Stück arbeitet er sich vor.

Hans-Jürgen Semmler ist Grabungstechniker des Denkmalamts. Der Stein, auf dem er hockt, gehört zu einem historischen Fund, auf den die Bauarbeiter am Montag gestoßen sind: ein mittelalterlicher Stadtturm. Oder besser gesagt, das, was von ihm noch übrig ist. „Es handelt sich um das Fundament des Mönchsturms, der wahrscheinlich um 1350 erbaut wurde“, sagt Andrea Hampel, Leiterin des Denkmalamts. Historischen Erkenntnissen zufolge gehörte der Wachturm zur Stadtmauer und diente der Stadt als Schutz. Damals musste Frankfurt seine Selbstständigkeit gegen benachbarte Landesherren durch den Bau von Befestigungen und Landwehren verteidigen.

Nach dem jetzigen Stand könne aber nicht gesagt werden, ob der Turm separat stand oder ob er in die Mauer integriert war, so Hampel. Dies zu klären, bleibe auch schwierig, da ein Teil des Fundaments bei früheren Kanalarbeiten abgetrennt worden sei. Dennoch sei der Fund von besonderer Bedeutung. „Er gibt Hinweise für die Interpretation anderer Stadtmauerteile“, ergänzt die Archäologin.

Merianplan weist auf Turm hin

Den Namen „Mönchsturm“ erhielt er wegen seiner örtlichen Nähe zum etwa 100 Jahre früher gegründeten Dominikanerkloster. Der Behelfsname diente der Lokalisierung, da es im Mittelalter keine Straßennamen gab. Andrea Hampels ersten Einschätzungen zufolge wurde der Turm etwa 1790 abgebrochen und später beim Straßenbau überteert.

Dass er nun entdeckt wurde, ist kein Zufall. „Wir wussten anhand des Merianplans, dass hier ein Turm in der Nähe gewesen sein müsste“, sagt Hampel. Deshalb hatte das Denkmalamt die Bauarbeiten in der Kurt-Schumacher Straße von Beginn an überwacht. „Als der Bagger dann auf den Kalkbruchstein stieß, der charakteristisch für mittelalterliches Mauerwerk ist, hatten wir Gewissheit“, fügt Hampel hinzu.

Stolz blickt sie auf den steinernen Halbkreis, den der Grabungstechniker freigelegt hat. Der Mönchsturm ist der erste Wachturm nördlich des Mains, der gefunden wurde. Deshalb kann Hampel ihre Begeisterung kaum verbergen: Ein weiteres Stück Stadtgeschichte kann nun dokumentiert werden. Bis Mittwochabend wird er per GPS genau vermessen. Dann verschwindet alles wieder unter neuem Teer. Andrea Hampel hofft, dass wenigstens ein kleiner Hinweis auf den alten Turm zurückbleiben wird.

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