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Gedenken an Holocaust-Opfer Ein Schmuckstück - ein Schicksal

Ein in Sobibor gefundenes Schmuckstück machte Karolina Cohns Geschichte bekannt.

Sobibor
Rund 250.000 Menschen wurden in Sobibor ermordet. Foto: © Peter Andrews / Reuters (X00010)

Seit mehr als zehn Jahren erforschen Yoram Haimi und Wojciech Mazurek das Grauen. So lange schon versuchen die beiden Archäologen den unter Erde verschütteten und von Vegetation überwucherten Überresten des Vernichtungslagers Sobibor jene Geheimnisse zu entreißen, welche die Täter am liebsten für immer begraben wollten. „Das ist eine Mission für uns“, sagt Wojciech. Den Standort der Gaskammern haben sie inzwischen ausfindig gemacht, auch den der Krematorien. Doch es war ein beinahe unscheinbarer Fund im Oktober 2016, der ihre Arbeit in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit rückte.

„In den Ruinen eines Nazi-Todeslagers gefundenes Amulett könnte Verbindung zu Anne Frank haben“, titelte im Januar die Online-Ausgabe der New York Times. Das Schmuckstück, ein dreieckiger Anhänger mit der Inschrift „Mazal Tov“, eingraviertem Geburtsdatum und der Ortsangabe „Frankfurt“ wurde ungefähr an jener Stelle gefunden, wo einst eine Baracke stand, in der sich jüdische Frauen entkleiden und die Haare scheren lassen mussten, ehe sie in die Gaskammern getrieben wurden.

Die mutmaßliche Verbindung bestand darin, dass auch Anne Frank ein ähnliches Amulett gehabt haben soll. Inzwischen, nachdem sich die Forscher an die Öffentlichkeit gewandt haben, sind weitere gleichartige Anhänger aufgetaucht. Sie alle stammen aus Frankfurt und wurden vermutlich in den Jahren 1928 und 1929 neugeborenen Mädchen der jüdischen Hauptgemeinde als Glücksbringer geschenkt.

Das Amulett aus Sobibor gehörte mit größter Wahrscheinlichkeit Karolina Cohn, die mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester Gitta im Frankfurter Nordend lebte. Zumindest findet sich in den Unterlagen der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem kein anderer Name, auf den die Geburtsdaten passen würden. Die Karteien der jüdischen Gemeinden in Frankfurt wurden von den Nazis vernichtet. Cohns Name und Geburtsdaten tauchen dafür in einem anderem Dokument wieder auf: der Frankfurter Deportationsliste vom 11, November 1941.

1945 wird Karolina für tot erklärt

Daraus ergibt sich, dass die Familie Cohn im November 1941 zusammen über die Sammelstelle Großmarkthalle deportiert wird - wie mehr als 10 000 Frankfurter Juden. Ihr Bestimmungsort ist das Getto der besetzten weißrussischen Hauptstadt Minsk.. Danach verliert sich jede Spur von der Familie Cohn.

1945 wird Karolina für tot erklärt. Ob Sie tatsächlich in Sobibor ermordet wurde ist unklar. Über ihre Vernichtungstransporte in Osteuropa führten die Deutschen weniger penibel Buch als über die im Westen. Möglicherweise hat Karolina Cohn das Amulett versteckt, möglicherweise gegen Nahrungsmittel getauscht. Fest steht, das es 75 Jahre in der Erde von Sobibor ruhte.

Es ist alles in allem wenig, was man über das Leben und Sterben von Karolina Cohn weiß. Und doch mehr als von den meisten der über 250 000 Menschen, die in Sobibor ermordet wurden. „Und sie haben ein Recht darauf, dass man sich ihrer erinnert“, betont Rüdiger Mahlo von der Jewish Claims Conference. „Nicht nur als Masse, sondern als Individuen mit einem eigenen Schicksal.“

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