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Gallustheater Das Schreckliche fassbar machen

Mehr als 1600 Häftlinge waren in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges im Gallus interniert. Eine Ausstellung im Gallustheater thematisiert ihre Schicksale im KZ-Außenlager in den Adlerwerken.

Die Adlerwerke als Verantwortung: Winfried Becker. Foto: christoph boeckheler*

Dort, wo Winfried Becker und seine Mitstreiter vom Gallustheater seit 1997 Kunst produzieren, wurden einst Autos und andere Maschinen hergestellt. Mit diesen erlangten die Adlerwerke einen gewissen Ruhm. Der Fakt allerdings, dass die Adlerwerke zwischen August 1944 und März 1945 dem Konzentrationslager Natzweiler unter dem Decknamen Katzbach als Außenstelle dienten, dürfte vielen Frankfurtern unbekannt sein. Heute wird im Gallustheater die Ausstellung „Freiheit – so nah, so fern“ eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem Centre Européen du Résistant Déporté und der Landeszentrale für politische Bildung will das Gallustheater zum 70. Jahrestag der Befreiung des Lagers an dieses erinnern.

Wie die Buchautoren Ernst Kaiser und Michael Knorn recherchiert haben, waren im Gallus in den letzten Kriegsmonaten 1609 Häftlinge interniert, die meisten von ihnen Polen, die sich am Warschauer Aufstand beteiligt hatten. Becker empfindet den historisch belasteten Ort, an dem sein Theater residiert als Verantwortung. „Als ich kurz vor unserem Einzug erfahren habe, das in den Adlerwerken einmal ein Konzentrationslager bestand, war das natürlich ein Schock.“ So habe er sich die Frage gestellt, ob es vertretbar sei, an dieser Stätte Theater zu spielen. Heute sieht Becker vielmehr die Möglichkeit, sich den historischen Ort wieder anzueignen. „Das Schlimmste ist doch, wenn die Frankfurter gar nicht wissen, dass hier einmal ein Lager bestand.“ Lange Zeit sei dies so gewesen.

Kurz bevor die Amerikaner am 26. März Frankfurt erreichten, brach das letzte Kapitel des KZ-Außenlagers in den Adlerwerken an. Am 24. März vor 70 Jahren trieben die Wachleute der Gestapo Hunderte todkranke Häftlinge aus dem Werk, um zu verhindern, dass die Alliierten sie finden. Aus den städtischen sowie den Firmenarchiven wurde jeder Hinweis auf die Existenz des Lagers getilgt. Viele Häftlinge seien in Güterwaggons auf den Gleisen direkt hinter den Werken und auf dem Weg in das KZ Bergen-Belsen gestorben, heißt es in einer Broschüre von Kaiser und Knorn zum Gedenken an Katzbach. Ein sogenannter Todesmarsch brach zum KZ Buchenwald auf. Von den 1609 Häftlingen überlebten nur wenige.

Die Ausstellung, die bis zum 29. März zu sehen ist, rückt das System von KZ-Arbeitslagern mit der Hauptverwaltung Natzweiler-Struthof im Elsass in den Fokus. Mittels Karten, Texten und der Darstellung einiger Häftlingsbiografien auf Wandtafeln soll das Schreckliche fassbar werden. Das Stammlager war 1941 gegründet worden, politische Häftlinge aus den europäischen Widerstandsbewegungen wurden hierher gebracht, um in den Vogesen rosa Granit abzubauen. Ab 1943 entstanden zahlreiche Außenlager, so auch das in den Adlerwerken. Die Ausstellung ist dauerhaft an der Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Natzweiler-Struthof zu sehen und darüber hinaus in vier Versionen an Standorten ehemaliger Außenlager.

Die Ausstellung läuft parallel zu dem Gedenkprojekt der Stadt. In dessen Rahmen wird die Künstlerin Stefanie Grohs am 21. und 22. März in der gesamten Stadt 1600 Stoffbinden zum Gedenken an die Katzbach-Häftlinge an Bäumen anbringen.

Dienstag Abend, 19 Uhr, wird die Ausstellung „Freiheit – so nah, so fern“ im Gallustheater, Kleyerstraße 15, eröffnet. Der Eintritt zur Schau ist während des gesamten Ausstellungszeitraums frei. Schulklassen können sich unter Telefon: 75 80 60 20 anmelden.

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