Lade Inhalte...

Fußball-WM „Wie nationale Massenzeremonien des 19. Jahrhunderts“

Daniel Keil, Politologe an der Frankfurter Fachhochschule, erklärt im FR-Interview, warum er Fahnenschwenken und Partypatriotismus nicht für harmlos hält.

Deutschlandfahnen
Manch einer lässt keinen Zweifel daran, für welches Fußballteam sein Herz schlägt. Foto: afp

Herr Keil, die Fußball-WM steht an, und das bedeutet auch Bilder von feiernden Menschen und schwarz-rot-goldenen Fahnenmeeren. Bei Ihnen lösen solche Bilder eher Bauchschmerzen aus. Warum? 
Es wird immer gesagt, dass dieses Fahnenschwenken bei Fußballgroßereignissen Ausdruck eines entspannten, feierlaunigen Patriotismus sei, der nicht ausgrenzend gemeint sei. Ich sehe dies hingegen im Kontext der Erzeugung nationaler Gemeinschaftsgefühle, die an sich immer ausgrenzend sind. Und Fußball-Weltmeisterschaften sind ein großes nationales Ereignis, bei denen die Inszenierung in der Öffentlichkeit – zum Beispiel beim Public Viewing - an nationale Massenzeremonien im 19. Jahrhundert erinnert. Das inszenierte Erleben nationaler Gemeinschaft über Kollektivsymbole bedeutet notwendig die Setzung, wer nicht „dazugehört“.

Dem könnte man entgegenhalten, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund inzwischen die deutsche Fahne schwenken. Und Schwarz-Rot-Gold für viele ein Bekenntnis zu den Werten des Grundgesetzes darstellt... 
Das zeigt erst einmal nur an, dass sich nationale Identität und Nationalismus wandeln. Das schließt nicht aus, dass der Kreis derer, die dazugehören, erweitert wird. Aber man kann gerade am Fall Mesut Özil und Ilkay Gündogan sehen, dass von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund immer noch mehr an Loyalitätsbekundungen erwartet wird. Und dass ihnen die Zugehörigkeit sehr viel schneller wieder entzogen wird. 

Seit der WM 2006 macht das Stichwort „Partypatriotismus“ die Runde. Gibt es Ihrer Meinung nach einen Zusammenhang zwischen diesem Phänomen und dem Wiederaufstieg völkischen und nationalistischen Denkens? 
Den Zusammenhang gibt es. Die Weltmeisterschaft 2006 war etwas Besonderes, weil sie in meinen Augen den Endpunkt einer längeren Entwicklung darstellt: der Normalisierung der deutschen Nation, dem Zeigen von patriotischen Gefühlen auf der Straße und damit auch der Normalisierung von Ausgrenzungshandlungen. Das hat sich 2006 schon darin gezeigt, dass es für Kritiker des deutschen Nationalismus schwierig war, überhaupt Gehör zu finden. Und wenn sie dieses gefunden haben, wurden sie sofort massivst angefeindet bis hin zu Todesdrohungen. Die Wahrnehmung der Welt durch die „nationale Brille“ wurde normalisiert. Dadurch fanden völkische Nationalismen verstärkt Anknüpfungspunkte im öffentlichen Diskurs.

In linken Kreisen gibt es Aufrufe, Deutschlandfahnen abzureißen. Halten sie das für legitim? 
Meine Form der Kritik ist eine begriffliche. Für andere Kritikformen müssen die Leute entsprechend selbst die Verantwortung übernehmen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen