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Fußball-WM Bye, bye WM-Stimmung

Wie Frankfurt das Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland erlebte.

Public Viewing
Betretene Fan-Gesichter nach dem 0:2 gegen Südkorea in den Kneipen auf der Berger Straße. Foto: peter-juelich.com

Um 17.52 Uhr ist es endlich vorbei. In Kasan schießt der Koreaner Kim das 1:0, und in Bornheim wissen alle: Das war’s mit der WM. Zumindest für Deutschland. ZDF-Reporter Bela Rethy, dessen Stimme aus Dutzenden Fernsehgeräten über die Berger Straße schallt, erzählt zwar noch etwas von einer langen Nachspielzeit und einer noch längeren Nachspielzeit der Nachspielzeit, und Deutschland müsse jetzt vogelwild alles nach vorne werfen. Aber die Gäste in den Kneipen auf der Berger greifen nur vogelwild nach ihren Geldbörsen, zahlen ihre Getränke und gehen nach Hause. Viel geredet wird auf dem Weg nicht. Die Menschen mit den schwarz-rot-goldenen Perücken, Armbändern, Blumenketten, Trikots, Hüten und Hosen wirken fassungslos. Deutschland, der Weltmeister, ist seit Mittwoch raus

Und dabei hatte dieser letzte WM-Tag von Jogi Löws Mannschaft zumindest in Frankfurt doch so gut begonnen.

9.15 Uhr: Gerrit ist Austräger bei einem privaten Zustelldienst. Eigentlich soll er im Job keine Fußballtrikots tragen. Ganz eigentlich soll er sogar Hemd tragen. Heute ist ihm das egal. Gerrit trägt seine Sendungen im Trikot von Mats Hummels aus. Er findet nämlich, dass in Deutschland noch gar keine richtige WM-Euphorie herrsche. Da brauche man sich ja nicht zu wundern, wenn die Mannschaft bisher nur so mittelmäßig spiele. Nun sei die Zeit gekommen. Für Tore. Deutliche Siege. Party. Autokorso. WM-Titel. Sommermärchen. Also: Trikot an.

11.30 Uhr: Apropos Trikot. Auch der Fahrer der Straßenbahnlinie 12 trägt eines. Das Problem ist nur: Wenn seine Schicht bis zum Abend dauert, bekommt er vom Spiel nichts mit – sofern er sich an die Vorgaben seines Arbeitgebers hält. Die VGF verbietet nämlich Radios oder gar kleine Fernsehgeräte im Führerhaus.

13.30 Uhr: Mr. Lee ist weg. Der Wirt hat sein koreanisches Restaurant im Gutleut geschlossen. An einem derart bedeutenden Tag will er keine Gäste haben, an diesem Tag wird südkoreanische Geschichte geschrieben. Mr. Lee findet, ein Spiel gegen Deutschland sei wichtiger als die koreanische Wiedervereinigung. Klingt nach Blödsinn, ist es auch. In Wahrheit ist das Restaurant schon lange geschlossen. 

15.30 Uhr: Es ist viel voller auf den Straßen als sonst um diese Zeit. Alle wollen heim, alle wollen Fußball schauen.

15.50 Uhr: Die Nerven liegen blank. Längst nicht alle werden es bis zum Anpfiff vor ein TV-Gerät schaffen. Mopedfahrer, die sich nach guter Altväter Sitte im Stau vordrängeln, werden gnadenlos zusammengehupt.

15.55 Uhr: Die Sonne, diese verdammte Sonne. Sie macht das Fußballschauen am Matthias-Beltz-Platz fast unmöglich. Zumindest wenn man seitlich zum Fernsehgerät sitzt. Die deutsche Nationalhymne wird gespielt. Ein Fan singt ein bisschen mit. Einer von etwa 80.

16.10 Uhr: Weiter nach Bornheim. Dort haben die Kneipen große Sonnensegel. Oberhalb des Fünffingerplatzes herrscht Anarchie. Die Zuschauer haben keine Lust auf vorbeifahrende Autos. Zumal manche Kneipen so voll sind, dass viele Gäste auf der Fahrbahn stehen müssen. Deshalb haben sie mit zehn Leihfahrrädern einfach die Einfahrt in die Berger Straße gesperrt.

16.15 Uhr: Man könnte sich jetzt also mitten auf die „Berger“ stellen und würde nicht überfahren werden. Man würde nur verrückt werden. Denn heute hat ja jeder Wirt ein anderes TV-Empfangssystem. Deshalb gibt es unterschiedlich große Zeitverzögerungen in der Übertragung und, wenn man von Fernsehgeräten umgeben ist, einen unerträglichen Klangsalat.

16.20 Uhr: Im Döner-Bistro „Morgenland“ langweilen sich die Gäste ob des Spiels.

16.30 Uhr: Siehe 16.20 Uhr.

16.45 Uhr: Siehe 16.30 Uhr.

17.09 Uhr: Schweden schießt im Parallelspiel das 1:0. Früher sagte man jetzt, die Fans holten den Rechenschieber raus. Jetzt holen sie ihre Handys raus und schauen auf die Live-Tabelle. Sieht schlecht aus.

17.30 Uhr: Hummels, Gomez und Werner vergeben Chance um Chance. Doch im „Morgenland“ gibt es nur einen Sündenbock: Mesut Özil. 

17.52 Uhr: Es ist vorbei, bye, bye, Junimond.

18.30 Uhr: Die Kneipen haben sich etwas geleert. Zumindest sind die meisten Deutschland-Fans gegangen. Noch knapp 50 Tage, dann spielt wieder die Eintracht. Gegen Bayern.

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