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Fundamentalismus Mahnwache gegen Abtreibungen

Vor einer Beratungsstelle von Pro Familia halten sogenannte Lebensschützer in Frankfurt eine Gebets-Mahnwache gegen Abtreibungen ab. Die Organisatoren sind gut vernetzt mit rechten klerikalen Kreisen.

Abtreibungsgegner in Frankfurt
Abtreibungsgegner halten vor Pro Familia in Frankfurt eine Mahnwache ab. Foto: peter-juelich.com

Die Mahnwache in der Palmengartenstraße ist leicht zu übersehen. Kleinbusse, mit Lieferungen für die umliegenden Büros schirmen am Montagvormittag die Gruppe von 15 Männern und Frauen, die wenige Meter vor dem Büro von Pro Familia Stellung bezogen hat, von ihrer Umgebung ab. Eine Art ungewollte Wagenburg, die jedoch nicht verhindern kann, dass der Verkehrslärm der nahen Bockenheimer Landstraße, das leise Murmeln der Gruppe übertönt. Einige Teilnehmer halten Rosenkränze in den Händen. Eine Frau übernimmt das Vorbeten, der Rest der Gruppe spricht leise nach. Zu verstehen wären die Worte für die meisten Passanten auch ohne Verkehrslärm nicht. Gebetet wird auf Kroatisch.

Im Gegensatz zu den Gebeten sind die Botschaften auf den Schildern, die einige der Teilnehmer der Mahnwache vor ihrer Brust tragen, auf Deutsch. Und sie sind unzweideutig: „Ich will leben“, steht auf einem zu lesen. Gezeichnet: Ungeborenes Kind.

Seit dem 1. März, dem Beginn der christlichen Fastenzeit, halten Lebensschützer – wie sie sich selbst nennen – die Mahnwache vor der Beratungsstelle von Pro Familia ab. Ihre Adressaten: Frauen, die die Schwangerschaftskonfliktberatung von Pro Familia in Anspruch nehmen, die mit sich hadern, ob sie in ihrer aktuellen Lebenssituation ein Kind zu Welt bringen wollen und können. Das Ziel der „Lebensschützer“ ist klar: Die Frauen von einem Schwangerschaftsabbruch abhalten. Dafür wollen sie wiederkommen, Tag für Tag, bis Ostern.

„40 Tage für das Leben“ nennt sich das Konzept, das seit gut zwei Wochen in Bockenheim umgesetzt wird. Es stammt aus den USA wo Aktivisten einer gleichnamigen Initiative bereits seit Ende der 90er die Fastenzeit regelmäßig dazu nutzen, Mahnwachen vor Schwangerschaftsberatungsstellen oder Abtreibungskliniken abzuhalten. Damit, so heißt es auf der Homepage der Initiative, solle nicht weniger als „das Ende von Abtreibungen“ eingeleitet werden.

Mittlerweile ist die Aktionsform eine Art Exportschlager. Und der gemeinsame Kampf gegen das Recht auf Abtreibung schweißt inzwischen auch konfessionelle Strömungen zusammen, die andernorts in Konkurrenz zueinander stehen. Denn während „40 Tage für das Leben“ in den USA zunächst von evangelikalen Kreisen initiiert wurde, wird die globale Kampagne in Deutschland vor allem von der in Frankfurt ansässigen Deutschen Vereinigung für eine christliche Kultur (DVCK) beworben. Diese als konservativ-katholisch zu beschreiben, wäre ein glatte Untertreibung.

Bereits seit Anfang der 1980er macht die DVCK gegen das Recht auf Abtreibung, gegen die vermeintliche Frühsexualisierung von Kindern oder das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare mobil. Der Vorsitzende Benno Hofschulte, hat an der Mahnwache in Bockenheim mindestens einmal teilgenommen.

„Die Form der Präsenz der Lebensrechtler vor Ort ist eine ziemlich leise“, sagt Mathias von Gersdorff. Es gehe nicht um Einschüchterung. Das Gebet gelte schließlich auch den Frauen. Gersdorff selbst ist ein einschlägig bekannter Autor, der unter anderen in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ über Themen wie den angeblichen Einfluss der Genderideologie. Er gehört zu den Unterstützern des AfD-nahen Aktionsbündnisses „Demo für Alle“, das sich unter anderem gegen die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften richtet. Doch auch wenn er und sein Verein die Aktion unterstützen, Organisatoren seien sie nicht, betont von Gersdorff.

Der eigentliche Organisator steht an diesem Montagmorgen selbst vor der Beratungsstelle von Pro Familia. Tomislav Cunovic hält sich Rand der Mahnwache, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, schwarzer Mantel, den Rosenkranz um die linke Hand gewickelt. Mit beiden Händen hält er ein Bildnis der Jungfrau Maria vor die Brust. Reden möchte er nicht. Anfragen der Presse will der Frankfurter Anwalt nur schriftlich beantworten.

Cunovic ist kein Unbekannter. Als 2011 rund 1000 Menschen an Karfreitag auf dem Frankfurter Römer gegen das Feiertags-Tanzverbot demonstrierten, und dabei die Prozession der kroatischen katholischen Gemeinde störten, erstattete er Anzeige gegen mehrere Grünen-Politiker, die seiner Meinung nach dafür die Verantwortung trugen. Cunovic war lange im Stadtsynodalrat der Katholiken in Frankfurt aktiv und in der kroatischen Gemeinde. Das erklärt, warum sich das Gros der Mahnwachenteilnehmer aus der kroatischen Gemeinde rekrutiert.

Die Mahnwache sei aus einer formlosen Initiative entstanden, als deren Koordinator man ihn bezeichnen könne, teilt Cunovic auf FR-Anfrage schriftlich mit. Innerhalb der kroatischen Gemeinde ist Cunovic derweil in festere Strukturen integriert. Cunovic gehört zu den Organisatoren des Frankfurter Ablegers der kroatischen Initiative „U ime obitelji“ (Im Namen der Familie). Die christlich-fundamentalistische Vereinigung erzwang 2013 erfolgreich ein Referendum, mit dem in der kroatischen Verfassung die Ehe ausschließlich als ein Bund zwischen Mann und Frau festgeschrieben wurde – womit diese Bezeichnung homosexuellen Partnerschaften grundsätzlich vorenthalten werden sollte. Cunovic rührte damals unter den in Deutschland lebenden Kroaten kräftig die Werbetrommel. Kroatien werde „eine gewisse Vorbildfunktion“ übernehmen prognostizierte er damals damit auch andere EU-Länder dem „Genderterror“ einen „gesetzlichen Riegel vorschieben“.

Seit diesem ersten Sieg versucht „U ime obitelji“ die kroatischen Regierung zu immer mehr Zugeständnissen an den christlich-fundamentalistischen Rand des politischen Spektrums zu bewegen. Erklärtes Ziel der Vereinigung ist etwa ein absolutes Abtreibungsverbot, wie es Ende 2016 in Polen eingeführt werden sollte (was letztlich scheiterte). Dabei hat „U ime obitelji“ keinerlei Berührungsängste zu rechten und rechtsextremen Parteien.

Der Frankfurter Ableger von „U ime obitelji“ hat derweil nicht nur Auftritte der Vorsitzenden der Vereinigung, Zeljka Markic, in der kroatischen Gemeinde im Westend organisiert, sondern auch die Vorführung des Films „Jasenovac – die Wahrheit“ im April 2016. Die mit offenkundigen Fälschungen arbeitende Dokumentation verharmlost die Beteiligung des faschistischen kroatischen Satellitenstaates am Holocaust, insbesondere die Rolle des Konzentrationslagers Jasenovac. Auf Betreiben von „U ime obitelji“ wurde der Film auch in den kroatischen Gemeinden in Offenbach und Darmstadt gezeigt. In Frankfurt, fungierte Cunovic als Moderator. Zu all diesen Verbindungen möchte sich Cunovic nicht äußern.

Bei Pro Familia hat man sich entschieden, der Mahnwache nicht mehr Aufmerksamkeit zu schenken als nötig. „Dass es nicht schön ist, wenn Frauen die zur Konfliktberatung kommen, so etwas sehen ist klar“, sagt Regine Wlassitschau, Sprecherin des Bundesverbandes. Dennoch sei es das gute Recht der „Lebensschützer“ vor der Beratungsstelle zu demonstrieren und man selbst werde nicht dagegen vorgehen.

Linke Gruppierungen in Frankfurt sehen das anders. Bereits drei Mal wurde die Mahnwache nach übereinstimmenden Angaben von Cunovic und des Polizeipräsidiums Frankfurt von linken Demonstranten gestört. Am Weltfrauentag bewarfen etwa 30 Gegendemonstranten die Mahnwache mit Konfetti und zündeten Feuerwerk. Auf dem Boden hinterließen sie Zeichnungen: Stilisierte Vaginen mit dem Motto „Viva la Vulva“.

Am 10. März zelebrierten verkleidete Aktivisten eine „satanistische“ Messe, bei dem die Seelen der Lebensschützer „dem Teufel geweiht“ wurden, wie es in einem Bericht auf der linken Plattform Linksunten.indymedia heißt. Am 11. folgte eine weitere Störung. Die Polizei rückte jedes Mal an, konnte jedoch nach Auskunft des Polizeipräsidiums keine Straftaten feststellen. Ob das so bleibt ist schwer zu sagen. Denn bis Ostern ist noch mehr als ein Monat Zeit.

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