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Führung Die Orte der Revolte

Eine Tour an geschichtsträchtige Orte in Frankfurt mit Oberbürgermeister Peter Feldmann.

Revolution
OB Peter Feldmann im Institut für Sozialforschung. Foto: Peter Juelich

Den „Mantel der Geschichte“ hat der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) gerne flattern lassen. Aber Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann kann das auch. Der Sozialdemokrat lädt Journalisten zu einer mehrstündigen Rundreise zu den Orten der Revolte des Jahres 1968 in Frankfurt. Er spricht über den „Widerstandsgeist“, der schon immer in der Stadt geherrscht habe, bereits zur Zeit der preußischen Besetzung nach 1866.

„Wir können sehr stolz sein auf diese Geschichte“: So fasst der OB die Ereignisse des Jahres 1968 zusammen. Und die Journalisten sehen zum Beispiel das Institut für Sozialforschung an der Senckenberganlage. Dort wirkten mit Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vor 50 Jahren die beiden wichtigsten Vertreter der Kritischen Theorie, die so etwas wie die intellektuelle Basis für den Aufstand geschaffen hatten.

Und zwar in einfachsten Verhältnissen. Das Büro Adornos ist klein und geradezu karg, mit einem Waschbecken hinter einer Klapptür. Da steht noch der berühmte Spiegel, in dem Adorno sich per Selbstauslöser fotografierte, hier wartet im Besprechungszimmer des Instituts das deckenhohe Regal mit Lehrbüchern.

Natürlich wurde das Institut seinerzeit von den Studierenden besetzt – und Adorno büßte letzte Sympathien ein, als er die Polizei zur Räumung einschaltete. Im Jahr der Revolte 1968 war es in Frankfurt schon etwas Besonderes, wenn einmal nicht demonstriert wurde gegen die restaurativen Verhältnisse an der Universität und in der Gesellschaft, aber auch den Krieg der USA in Vietnam. Der Stadtführer Norbert Saßmannshausen zitiert aus einem Zeitungsartikel von 1968, der groß verkündet: „Heute keine Demonstration.“ Längst ist die Revolte vor 50 Jahren zu etwas geworden, mit dem sich die Stadtregierung von heute schmückt – nicht jedem 68er wird das gefallen.

Vor der Paulskirche erinnert der Oberbürgermeister an die Proteste am 22. September 1968. Damals wurde im Gotteshaus der Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels an den Präsidenten des Senegal, Leopold Senghor, verliehen. Er galt der Studentenbewegung aber als Vertreter eines neokolonialistischen Regimes, das brutal gegen die eigene Bevölkerung vorging.

Studentenführer Daniel Cohn-Bendit durchbrach vor der Paulskirche eine Polizeisperre und wurde prompt verhaftet. Der Oberbürgermeister nennt Cohn-Bendit einen „Helden der Bewegung“ – und erinnert an die politischen Angriffe auf den Grünen, als der im Februar zur Wahl Feldmanns aufgerufen hatte.

So schließt sich der Kreis zwischen 1968 und der Gegenwart. Die Gruppe sieht den Römerberg mit ganz neuen Augen, als sie erfährt, dass hier vor 50 Jahren einmal Jim Morrison gestanden hat, der Leadsänger der legendären Rockgruppe „The Doors“, die damals ein Konzert in der Festhalle gab. Auf dem Römerberg hatten aber am 1. Mai 1968 auch 12 000 Menschen gegen die Notstandsgesetze demonstriert – und Studentenführer Hans-Jürgen Krahl durfte zur Menge sprechen. „Das wäre in Berlin unmöglich gewesen“, sagt Saßmannshausen.

Im Bus eilt die 68er-Tour von einem Ort zum anderen. Der Oberbürgermeister erwähnt einen anderen Helden: den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der 1963 den ersten großen Prozess gegen die Täter des Vernichtungslagers Auschwitz möglich gemacht hatte. „Die Verbrechen sollten weggewischt werden“, sagt Feldmann. Bauer starb am 1. Juli 1968, erschöpft und krank.

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