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Frauenpolitik in Frankfurt „Sexismus bleibt ein Thema“

Rosemarie Heilig (Grüne), die in Frankfurt das Frauendezernat übernommen hat, spricht im Interview mit der FR, über Frauenpolitik, die Silvesternacht in Köln und wie sie sich um traumatisierte Flüchtlingsfrauen kümmern will.

Rosemarie Heilig freut sich auf die neue Aufgabe. Foto: christoph boeckheler*

Angela Merkel, Theresa May, Hillary Clinton heißen die neuen starken Frauen, die die Macht übernehmen. Ist das ein Trend, gelingt es immer mehr Frauen, nach ganz vorne zu kommen?
Schön wär’s. Sicher ist, dass die Frauenbewegung einen enormen gesellschaftlichen Wandel erreicht hat. Aber wir können wegen dieser Handvoll Frauen nicht sagen, dass sich die Frauen allgemein in Führungspositionen durchgesetzt haben. Weder in der Politik noch in der Wirtschaft.

Wie stark sind die Frauen im Frankfurter Römer?
Wir können uns sehen lassen: In der Stadtverordnetenversammlung liegt der Frauenanteil bei 40 Prozent, im Magistrat bei 36 Prozent und in den Führungspositionen der Stadtverwaltung bei 38 Prozent. Ich selber habe als Dezernentin Wert darauf gelegt, Frauen in führende Positionen einzustellen.

Das heißt, Sie fördern ganz bewusst Frauen?
Ja, ich glaube, da können wir von den Männern lernen. Männer bilden ja Seilschaften. Frauen bauen eher Netzwerke auf und fallen dann selbst durch die Maschen.

Wie sieht es bei Ihnen im Dezernat aus?
Wir sind zu zwölft, darunter zehn Frauen und zwei Männer.

Für Sie ist die Aufgabe Frauenpolitik neu. Haben Sie schon Ideen?
Als Umweltdezernentin habe ich mich für die Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen Flugplatz in Bonames eingesetzt. Als Frauendezernentin möchte ich jetzt den traumatisierten geflüchteten Frauen helfen. Ich würde mir wünschen, wir würden als geschützten Raum ein Haus für diese Frauen finden.

Seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln ist der alltägliche Sexismus zum Thema geworden. Was können Sie dagegen tun?
Wir werden die Sexismus-Kampagne, die das Frauenreferat im letzten Jahr begonnen hat, fortsetzen. Und wir müssen klarmachen, dass es Sexismus überall gibt – in allen Religionen und Altersstufen. Wir dürfen nicht sagen, dass das nur ein Problem der Männer sei, die aus Nordafrika kommen.

Wie gehen Sie mit muslimischen Männern um, die glauben, dass die Frauen das unterlegene Geschlecht sind und dem Mann zu gehorchen haben?
Männer und Frauen müssen die Regeln, nach denen wir in Deutschland und Europa leben, anerkennen. Wir haben uns als Frauen diesen Freiraum erkämpft und ich bin nicht bereit, diesen Standard in Frage zu stellen. Deshalb ist ja auch die Integrationsarbeit so wichtig.

Was halten Sie von besonderen Angeboten nur für Frauen, zum Beispiel Badetage in Schwimmhallen?
Wichtig ist eine Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft. Es gibt Saunatage nur für Frauen und vereinzelt Badeangebote nur für Frauen. Aber mein Ziel wäre, dass wir so etwas gar nicht brauchen und dass Frauen nicht von Männern angemacht werden, weil sie einen Bikini oder Badeanzug tragen. Aber das ist ein langer Weg.

Ihr Magistratskollege Uwe Becker möchte die Burka verbieten. Wie denken Sie darüber?
Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden. In diesem Sinne halte ich nichts davon, einer erwachsenen Frau die Verschleierung zu verbieten. Und noch weniger halte ich davon, einer Frau die Verschleierung vorzuschreiben.

Irritiert Sie das nicht, wenn Sie mit einer Frau reden, von der Sie nur die Augen sehen?
Doch, mich irritiert das schon. Ich halte auch nichts davon, dass Frauen in öffentlichen Einrichtungen verschleiert arbeiten. Ich finde es korrekt, dass bei den Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung eine Verschleierung nicht toleriert wird.

Man hört immer wieder von türkischen Mädchen, die nicht einmal am Sportunterricht teilnehmen dürfen.
In Frankfurt geht das nicht. Genau so wenig, wie die Mädchen dem Mathe- oder Biologie-Unterricht fernbleiben können. Das müssen wir den Eltern beibringen.

Nach der Schule beginnt für die meisten jungen Leute das Erwerbsleben. Wie wollen Sie dort mehr Gerechtigkeit erreichen?
Frauen verdienen durchschnittlich immer noch rund 20 Prozent weniger als die Männer. Das muss sich unbedingt ändern. Das kriegen wir nur hin, wenn wir die Unternehmen, die wir hier in Frankfurt haben, in die Pflicht nehmen und ihnen klar machen, dass Frauen in Führungspositionen für sie ein Gewinn sind.

Eine junge Frau hat kürzlich erzählt, dass sie abfällig als „Emanze“ bezeichnet worden sei. Ist dieser Begriff für Sie ein Schimpfwort?
Nein. Wenn zu mir als junge Frau jemand Emanze gesagt hätte, hätte ich das sogar mit Stolz zur Kenntnis genommen. In der Zeit, in der ich groß geworden bin, war die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein großes Thema. Als Arbeiterkind mit sieben Geschwistern wäre ich heute nicht Dezernentin, wenn mir die Frauenbewegung nicht geholfen hätte, mich durchzusetzen.

Interview: Friederike Tinnappel

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