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Frankfurter Zeitzeugin Eine unvergessene Tochter Frankfurts

Inge Grünewald lebte bis 1939 in der Stadt. Dann musste die Jüdin fliehen.

Inge Grünewald
Inge Grünewald in der Maria-Magdalena-Kirche, in der Nähe ihres alten Kinderhauses. Foto: Christoph Boeckheler

Wenn sie zurückdenkt, kommen Inge Grünewald die Tränen. „Fast alle Kinder sind in Auschwitz umgekommen“ sagt die 88-jährige Frau. In der Maria-Magdalene-Kirche in Frankfurt sitzt die Jüdin im Rollstuhl. Sie kann noch gehen, doch es sind anstrengende Tage. Gestern besuchte sie die Gräber ihrer Eltern auf dem Friedhof, heute stand sie einem Team des Hessischen Rundfunks Rede und Antwort. Nur wenige Hundert Meter entfernt befindet sich das ehemalige Jüdische Kinderhaus in der Hans-Thoma-Straße. Dort lebte sie bis 1939 und konnte noch rechtzeitig mit einem Cousin nach Uruguay fliehen, organisiert von ihrem Vater.

Fast alle anderen jüdischen Kinder aus der Einrichtung wurden nach Theresienstadt deportiert und schließlich in Auschwitz umgebracht. Seit 2017 erinnert ein Drempel, ein jüdisches Spielzeug, auf dem „Platz der vergessenen Kinder“ an ihre Schicksale. 1942 deportierten die Nazis auch ihren Vater nach Theresienstadt. „Er ist dort verhungert“, sagt Grünewald. Bei ihrem Besuch in Frankfurt fühle sie sich immer noch sehr traurig. Im Bett bereiten ihr die gestorbenen Kinder des Jüdischen Kinderhauses unruhige Nächte.

„Ich habe damals alles geglaubt, was mir gesagt wurde“, erinnert sich Grünewald. „Theresienstadt sollte besser sein.“ Ihr sei damals nicht klar gewesen, welche  Zustände dort herrschten. Erst aus Büchern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sie davon erfahren.

Heute lebt Inge Grünewald mit 700 anderen Menschen im Kibbuz Sadat in Israel. „Ich mache noch fast alles selbstständig, nur samstags lässt mich mein Sohn nicht alleine“, sagt Grünewald. Einer ihrer beiden Söhne wohnt 30 Minuten entfernt und ist mit seiner Mutter nach Deutschland gereist. Grünewald wohnt nahe am Gazastreifen, erlebt die Unruhen mit. Angst hat sie aber nicht. „Nachts mache ich mein Hörgerät raus, dann schlafe ich ruhig.“

Die Frankfurter Initiative Stolpersteine hat Grünewald im Februar in ihrem Kibbuz besucht. Daraus ist ein Bildband entstanden. Eines der Fotos zeigt die 88-Jährige in einem Elektro-Scooter, mit dem sie durch den Kibbuz fährt. „Ich sauge jedes Gespräch mit ihr auf“, sagt Pfarrer Volker Mahnkopf. Er hat die Geschichte des Jüdischen Kinderhauses erforscht. Im Oktober besucht er Familie Grünewald; bis dahin soll ein Buch über das Schicksal der Kinder fertig sein.

Für Inge Grünewald ist ein langer Tag vorbei. Sie bedankt sich für das Gespräch und bittet um ihren Stock.

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