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Frankfurter Verlage Jedes Buch ein kleines Kunstwerk

Der Gutleut-Verlag setzt auf das Zusammenspiel von Bild und Text. Die Buchprojekte werden nicht nach Umsatzprognosen gewählt. Was sich große Verlage nicht leisten können, nimmt sich Gutleut-Verleger Michael Wagener ganz einfach heraus.

Verleger Michael Wagener arbeitet manchmal mehrere Jahre an einem Buchprojekt. Foto: Andreas Arnold

Michael Wagener ist ein Kartenbesessener. In der Wohnung des Gutleut-Verlegers und bildenden Künstlers hängen unzählige Landschaftskarten, die die vertraute Geografie unserer Welt ins Wanken bringen. Viereckige Seenlandschaften, ausgedachte kreisrunde Landschaftsinseln in fiktiven Ozeanen. Wagener zerschneidet Landkarten und setzt sie neu zusammen. Diese bedecken die meterhohen Wände der Altbauwohnung mitten im Bahnhofsviertel. Sogar die Stühle um den langen Holztisch im Verlagszimmer des 48-Jährigen sind mit Phantasiekarten beklebt. Im jüngst erschienenen Band „dauerlandschaft“ hat Wagener seine Kartencollagen mit Gedichten dreier Lyriker kombiniert.

In fast allen Büchern des 2002 gegründeten Gutleut-Verlags fließen verschiedene Genres zusammen. Vorbild für diese interdisziplinäre Art des Büchermachens ist Gerhard Mercator, einer der bedeutendsten Kartografen seiner Zeit. 1595 veröffentlichte dieser den ersten Atlas – ein Welterklärungsmodell und Gesamtkunstwerk, „in dem Wissenschaft, Religion und Kunst verschmelzen“, so Wagener.

Wie der Mercator-Atlas muss auch ein Gutleut-Buch vielen Ansprüchen genügen: das Zusammenspiel von Bild und Text, die Versammlung unterschiedlicher Disziplinen und Blickwinkel, politische Aussagekraft. Wie in dem 2013 veröffentlichten Sammelband „grenzlinien“, in dem Fotoreihen, Filmstills und Texte von Künstlern und Wissenschaftlern die europäische Asylpolitik anklagen. Die meisten Gutleut-Bücher sind nicht einfach nur Texte zwischen zwei langweiligen Pappdeckeln. Es sind Werke, die sich buchstäblich entfalten. Die Einschläge sind grafisch und gestalterisch aufwendig erdacht und werden auseinandergefaltet zu Sekundärliteratur oder einem Leporello mit Bebilderungen. „Texte brauchen Raum, damit sie zum Tragen kommen“, erklärt Wagener seine Art der Büchergestaltung.

"Jedes Buch hat seine eigene Geschichte"

Man merkt schnell, dass der Verleger seine Buchprojekte nicht nach Umsatzprognosen auswählt. Um die aufwendigen Bücher zu kreieren, muss der Verleger einem ganz eigenen Rhythmus folgen. „Jedes Buch wird lange erdacht, geplant und dann, wenn sich genug Finanzierungsmittel finden, erst umgesetzt. Und jedes Buch hat seine eigene Geschichte. Keines wird in eine starre Programmroutine gepresst.“ Das kostet Zeit. „Meistens dauert dieser Prozess mehrere Jahre“, so Wagener. Im Fall von „dauerlandschaft“ waren es vier.

Was große Verlage sich nicht leisten könnten, nimmt sich der Gutleut-Verleger ganz einfach heraus. „An fertigen Projekten bin ich nicht interessiert. Hinter jedem Buch muss ich stehen können. Bei 90 Prozent der Bücher kann ich sagen, dass ich sie genauso wieder machen würde“, zieht er Bilanz.

Wagener weigert sich, mit den Standards der Branche Schritt zu halten. Eine Vorschau für das Frühjahr gibt es noch nicht. Er weiß nicht, welche Bücher bis dahin fertig werden und welche sich finanzieren lassen. Nur eines ist sicher: In diesem Jahr will Wagener wieder Lyrik machen. In dieser Sparte hat sich der kleine Frankfurter Verlag in den vergangenen Jahren bereits ein Renommee erkämpft.

Doch wie schafft es Wagener, sich eine derartige Langsamkeit zu leisten? „Wirtschaftlich gesehen ist es schon verrückt, Künstler zu werden. Da fällt der Schritt zur Verlagsgründung nicht schwer.“ Noch heute sind Bücher für den Verleger „komprimierte Ausstellungen“. „Man kann sie immer besuchen, wenn man gerade will. Egal wo, egal wann.“ Hier spricht keiner, der Bücher nur als Ware verlegt. Michael Wagener betreibt Büchermachen als Kunst.

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