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Frankfurter Verband „Nicht mit Geld gesegnet“

Ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden Frédéric Lauscher zum 100-jährigen Bestehen des Frankfurter Verbands und künftige Herausforderungen für die Altenpflege.

Begegnungsstätte
Kleidertausch in der Begegnungsstätte Heddernheim. Foto: Renate Hoyer

Das größte Sozialunternehmen der Stadt, der Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe, feiert am Montag, 5. November, im Römer und im Palmengarten mit Beschäftigten und geladenen Gästen sein 100-jähriges Bestehen. Anlass genug für den Vorstandsvorsitzenden Frédéric Lauscher, einen Blick zurück und in die Zukunft zu werfen.

Herr Lauscher, 100 Jahre, das ist kein Pappenstiel. Wie ist der Verband entstanden?
Das war noch während des Ersten Weltkriegs. Die damals in der Altenhilfe tätigen Institutionen wie zum Beispiel das Wiesenhüttenstift haben einen Aufruf verfasst und die Frankfurter um Unterstützung gebeten.

Was war der Grund?
Viele Frauen, die sich um pflegebedürftige Angehörige gekümmert haben, konnten das nicht mehr – weil der Ehemann im Krieg eingesetzt oder gefallen war und sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten mussten.

Welche Aufgaben sollte der Frankfurter Verband übernehmen?
Er sollte vor allem den bereits in der Altenhilfe tätigen Einrichtungen als Vermittlungsstelle dienen. Und er hatte die Aufgabe, Gebäude zu kaufen, und zwar nicht nur in Frankfurt, sondern auch im Umland.

Wie lange hat der Engpass bei den Unterbringungsmöglichkeiten in der Altenhilfe gedauert?
Das war bis deutlich nach dem Zweiten Weltkrieg, als dann verlässliche Strukturen entstehen konnten.

Wie war der Verband während des Nationalsozialismus aufgestellt?
Der Verband hat seine Arbeit als Verein weitergeführt, so gut das möglich war. Aber er hat natürlich darunter gelitten, dass Pflegeheime, zum Beispiel das in Rödelheim, als Lazarette genutzt oder ausgebombt wurden. Die Bewohner mussten in Notunterkünften untergebracht werden, zum Teil auch auf dem Land.

Und was folgte nach dem Zweiten Weltkrieg?
Zerstörte Heime wurden wieder aufgebaut, es kamen auch neue Heime dazu. Richtig Fahrt aufgenommen hat das aber erst in den 60er Jahren.

Hat der Verband vom Wirtschaftswunder profitiert?
Genauso wenig wie andere soziale Einrichtungen oder genauso viel. Das Soziale ist ja nicht das, was als Erstes mit Geld gesegnet wird. Die Pflegesätze wurden der Preisentwicklung angepasst. Aber üppig war das nie.

Wie hat sich das Leben im Altenheim für die Bewohnerinnen und Bewohner verändert?
Es hat ganz viele Verbesserungen gegeben. In den ersten Jahren ging es um primitivste Unterbringung: mehrere Menschen auf einem Zimmer, Gemeinschaftsbäder, große Schlafsäle. Heute ist ein Einzelzimmer üblich, das Ziel ist Selbstbestimmung. Früher gab es strikte Heimordnungen, was man zu tun und zu lassen hatte. Heute sagt der Bewohner, wo es langgeht, und nicht das Heim.

Warum wollen dann so viele alte Menschen nicht ins Heim?
Zum einen wird das Thema Heim zu Recht mit dem Ende des Lebens in Verbindung gebracht. Und das ist angstbesetzt. Und zweitens ist ja was dran an dem Spruch: Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

Wie stark sind die Heime in Frankfurt derzeit ausgelastet?
Die Heime sind alle belegt aufgrund des demografischen Wandels.

Fehlen Plätze?
Es fehlen vor allem die Mitarbeiter, um alte Menschen zu versorgen. Das gilt auch für die ambulanten Dienste.

Was macht der Verband, um Altenpflegerinnen und Altenpfleger zu gewinnen?
Sie können nichts gewinnen, was nicht da ist. Zum Glück haben wir eine eigene Altenpflegeschule. Und wir haben ein Programm entwickelt, um Hilfskräfte zu Fachkräften zu qualifizieren.

Reicht das?
Das Problem ist, dass es immer weniger junge Menschen gibt und das Missverhältnis zwischen Pflegebedürftigen und potenziellen Mitarbeitern wächst. Es kann ja auch nicht die Hälfte der Bevölkerung in der Pflege arbeiten. Das Missverhältnis kann nur durch Zuwanderung gelöst werden. Es muss gelingen, gute Fachkräfte aus dem Ausland zu holen.

Interview: Friederike Tinnappel

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