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Frankfurter Stadttaubenprojekt Tauben sind nicht tödlich

Nichts, was Flügel hat, ist dem Deutschen so zuwider wie Tauben. Unser Reporter geht geht dahin, wo für viele die Schmerzgrenze überschritten ist – und überlebt. Ein Tag mit dem Frankfurter Stadttaubenprojekt.

Stadttaubenprojekt
Im Anflug am Westbahnhof. Foto: Peter Jülich

Die dollsten Dinge kann man sich vorstellen, wenn man einen Ort besucht, an dem mehr als 800 Vögel wohnen – und dann doch überrascht werden. Denn zur Begrüßung kommt: eine Katze. Emily. Kleine schwarze Samtpfote. „Guten Tag“, sagt Emily (wenn man Katzensprache versteht), „Sie wünschen bitte?“ – „Ich bin der Neue. Ich soll hier schaffen.“

Frankfurt-Oberrad, Speckweg, Sitz des Vereins Stadttaubenprojekt und seines sogenannten Gnadenhofs. Hohe, dichte Bäume und rundherum Vogelgehege. No-go-Area. Gefühlte 70 Prozent der Deutschen wären hier nur mit mindestens elf Pferden über die Schwelle zu bugsieren, denn an diesem Ort gibt es: Tauben! (Jetzt die dramatische Musik. Wagner. Oder Rammstein.) Viele Tauben! Nichts, was Flügel hat, ist dem Deutschen so zuwider wie Tauben. Es sei denn, es kann stechen. Wobei Tauben noch etwas Krasseres können: kacken. 

Glaubt man den härtesten Gegnern der Tauben, zerfrisst der Kot dieser Tiere Autos, Hauptbahnhöfe und Einkaufszentren binnen Sekunden – und er vergiftet jeden, der den Exkrementen näherkommt als vier Meter. Mit anderen Worten: Taubenkot ist ungefähr doppelt so gefährlich wie die ultraätzende Körperflüssigkeit von Ridley Scotts Filmmonster „Alien“. 

Wer würde sich einer solchen Gefahr freiwillig aussetzen? Richtig: FR-Reporter Stillbauer. „Vergiss nie: Ich habe dich immer geliebt“, hat er morgens zu seiner bezaubernden Frau gesagt und sich auf den Weg gemacht. Ohne Helm. 

Aber, wie sich erweist, bleibt er nicht ohne Handschuhe. Die überreicht mir Karl-Heinz Stürmer zur Begrüßung. Der 74-Jährige ist die Frühschicht, oft schon um 6 Uhr vor Ort, und Ehemann der Vereinsvorsitzenden Gudrun Stürmer. Für später kündigt er noch eine Staubmaske an und sagt: „Das mit den Tauben macht einem gesunden Menschen zwar alles nichts aus, aber …“ Man merkt gleich, ein Teufelskerl, und überhaupt: lauter unerschrockene Leute, die fürs Stadttaubenprojekt arbeiten. Zwei Angestellte, sechs im festen Stamm – und viel, viel Ehrenamt. 

Andreas Kappelmann ist einer der Angestellten. Wofür ist er zuständig? „Für alles eigentlich“, sagt der 53-Jährige, morgens als Erstes für die Wasserschalen. Die müssen geschrubbt und aufgefüllt werden; im Sommer besonders wichtig. Dann mal los – was ziehen wir dafür an? Sicherheitsoverall? Weltraumanzug? Nichts dergleichen. Kappelmann geht einfach rein in einen der Taubenschläge und ran an die Arbeit. „Die sind sehr distanziert“, sagt er. „Die tun einem nix.“ Die Tauben sitzen auf dem Sims und schauen uns bei der Arbeit zu. 

Mal kurz wirken lassen. Eine Atmosphäre der Gelassenheit breitet sich aus, alles unendlich friedlich. Es ist auch nicht so, dass die Luft voll wäre von dämlichem Rugguu-Geplärre – überhaupt nicht. Der Kollege hat nach einer turbulenten Lebensphase beim Verein angeheuert. Um runterzukommen, sagt er. „Die Tiere tun mir leid. Und mir tut es gut, mich um sie zu kümmern.“ Für ihn seien alle Tiere auf dem Hof gleich: „Sonst baue ich eine Beziehung auf. Der Hahn Lennart war mal krank, das hat mir richtig wehgetan.“ Hahn? Ja, es gibt auch einige Hühner auf dem Gnadenhof und ein paar Rabenkrähen. Hahn Lennart darf im Innenhof rumgockeln. Die Krähen kriegen die Taubeneier zu fressen. 

Taubeneier? Etwa 100 davon sammelt das Stadttaubenprojekt jede Woche in seinen Taubenhäusern ein und ersetzt sie durch Gipsattrappen, summiert Andreas Kappelmann. Das ist Sinn und Zweck des Vereins, jedenfalls einer der Sinne und Zwecke: die Zahl der Tauben in der Stadt gering zu halten. Weil sie den Leuten so auf die Nerven gehen? Nein. Weil sie leiden. Tauben fressen ja nicht aus Spaß weggeworfene Pommes frites. Es geht ihnen nicht gut in der Stadt. Je mehr es von ihnen gibt, desto mehr leiden. 

Auf dem Gnadenhof in Oberrad leben die, die draußen keine Überlebenschance mehr hätten. „Tauben können auch untereinander sehr unangenehm sein“, sagt der Kollege. Allein eine Stunde verbringen er und der zweite Angestellte (und heute: ich) morgens mit den Wasserschalen. Emily, die Katze, trabt vorüber und schaut, ob wir alles richtig machen. Verträgt sie sich mit den Vögeln? „Im Allgemeinen.“ 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Stillbauer schafft

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