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Frankfurter Kriminalgeschichte Doppelmord in der Bank

Es war einer der spektakulärsten Banküberfall in der Frankfurter Kriminalgeschichte: Das Trio "Blondie", "Baby" und der "Dicke" musste nach der brutalen Tat lebenslang in Haft.

03.02.2014 13:49
Christoph Albrecht-Heider

Sie haben sie! Niemand fragt: Wen? Das wäre wohl die dümmste Frage der Woche gewesen. Jeder fragt nur: Wo? Alle kennen die Namen der Männer, über deren Festnahme die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am 23. August 1952 berichtet, über die die Stadt seit Tagen spricht. Johannes Maiß und Karlheinz Maikranz sind im französischen Besançon, 450 Kilometer südlich von Frankfurt, geschnappt worden.

Am 16. August haben die beiden die Filiale der Deutschen Effecten- und Wechselbank am Kurfürstenplatz im Westend überfallen und dabei zwei Bankangestellte erschossen und einen dritten schwer verletzt. Der dritte im Täterbunde ist Rudolf Kirchner. Maiß und Maikranz haben ihn auf der Flucht in einer Ginnheimer Gartenlaube zurückgelassen, wo ein Rentner die drei aufgestöbert hatte.

Der polizeiliche Umgang mit Tatverdächtigen ist Anfang der 50er Jahre ein anderer als heute, wie die Vernahme von Kirchner zeigt. Die Schüsse seiner Kumpane in der Bank haben auch ihn getroffen, eine Kugel steckt in seiner Schulter, eine andere hat seinen Arm durchschlagen. Kirchner wird in der Uniklinik notdürftig versorgt und dann von der Polizei zurück zum Tatort gefahren. Dort befragen Beamte den mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Fahrzeug-Boden Liegenden, Neugierige begaffen ihn, Augenzeuginnen treten hinzu, um den Mann zu identifizieren; Fotografen halten all dies fest.

In ihrem Viertel sind die drei Freunde bekannt, „Blondie“, wie der 28-jährige Kirchner gerufen wird, Maiß, „der Dicke“, ebenfalls 28, und „Baby“ Maikranz, 24. Sie stammen aus unauffälligen Familien, sind ausgebildete Gesellen, haben Beschäftigung als Hilfsarbeiter, Mechaniker und Schreiner. Vorbestraft ist keiner der drei. Der „Münchner Merkur“ wundert sich über so viel Normalität: „Was ist das für eine Zeit, wo die Verbrecher nicht einmal wie Verbrecher aussehen?“ Das Sozialistenblatt „Die Tat“ ortet die Verantwortlichen im Hollywood der verhassten USA: „All diese Giftfilme und Schundgeschichten, die zum größten Teil aus Übersee nach Westdeutschland importiert werden – sie sind die wirklichen Urheber des Frankfurter Banküberfalls.“

Vier Monate nach der Schießerei erlebt das Westend ein großes Schauspiel: Die Tat wird am Ort rekonstruiert. Am Samstag, 20. Dezember, sperren Reiterstaffeln die Straßen zum Kurfürstenplatz ab, Polizisten mit Hunden patrouillieren in den Trümmergrundstücken (die Folgen des Zweiten Weltkriegs sind bei weitem noch nicht beseitigt), um Schaulustige fernzuhalten. In Häuserruinen und auf Laternenpfosten wartet Publikum auf die Vorführung. Ein Wagen bringt die drei U-Häftlinge, die sich vor der Bank-Filiale in einen grauen VW-Käfer setzen müssen – ihr Tatfahrzeug. Sie tragen wie am Tattag braune Nylonstrümpfe über dem Kopf. Um den Käfer drängen sich Staatsanwälte und Polizisten in Hut und Mantel, um zu hören, was die drei sagen; Sekretärinnen protokollieren die Aussagen.

Und so ist der schwerste Banküberfall der Frankfurter Nachkriegsgeschichte am Samstag, 16. August 1952 (Banken haben samstags geöffnet), abgelaufen: Gegen Mittag fahren die drei, die ihr Ziel in den Wochen vorher ausgekundschaftet hatten, vor der Filiale vor, die im Erdgeschoss des kleinen Hauses Kurfürstenplatz 30 liegt. Sie schießen, kaum dass sie den Kassenraum betreten haben, auf einen Kassierer, 46, und einen Kassenboten, 52. Beide sterben noch in der Bank, ein Bankbeamter, 48, wird durch Schüsse schwer verletzt, ebenso auch Kirchner, der ins Feuer seiner Komplizen gerät.

Die Täter raffen in der Eile nur 600 Mark zusammen – 30 000 Mark befinden sich damals in der Bank – und fahren in ihrem grauen VW davon. Ein Kaufmann verfolgt in seinem Käfer den Wagen der Mörder, hupt dabei ständig und schreit durchs geöffnete Fenster: „Bankräuber! Bankräuber!“. In Ginnheim verliert er die Fliehenden aus den Augen.

Während der stark blutende Kirchner bald in der Schrebergartenanlage entdeckt wird, bleiben Maiß und Maikranz verschwunden. Alle Polizeidienststellen in der Bundesrepublik sind alarmiert, doch der Fluchtpunkt der beiden wird erst bekannt, als sich Maikranz am 22. August aus dem französischen Besançon per Telefon bei der Polizei meldet.

Am 28. April 1953 beginnt der Prozess gegen Kirchner, Maiß und Maikranz. 35 Plätze im Saal des Frankfurter Schwurgerichts sind für Bankbeschäftigte reserviert; sie sollen etwas über die Prävention von Banküberfallen lernen. Der psychiatrische Sachverständige diagnostiziert bei den Angeklagten eine „unzulängliche moralische Substanz“.

Die Angeklagten räumen vor Gericht ein, bereits kurz nach Ende des Krieges mit der Planung von Banküberfällen begonnen zu haben. Sie wollten nach eigener Aussage ans große Geld kommen, um nicht mehr arbeiten zu müssen. Einem Einbruch und einer Reihe von Autodiebstählen folgte im April 1952 der missglückte Versuch, eine Bank in Kronberg auszurauben.

Mit dem Überfall auf die Zweigstelle der Deutschen Effecten- und Wechselbank am Kurfürstenplatz wollte sich das Trio nur die finanziellen Mittel verschaffen, um den eigentlichen Coup vorzubereiten: den Überfall auf einen Geldtransporter.

Das Gerichtsverfahren dauert nicht lange. Strittig ist zwischen den Prozessparteien im Wesentlichen die Frage, ob die Angeklagten den Überfall mit dem Vorsatz begangen haben, ihre amerikanischen Pistolen auch einzusetzen. Die Richter bejahen die Absicht und verurteilen Kirchner, Maiß und Maikranz am 5. Mai 1953 zu lebenslanger Haft.

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