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Frankfurter Geschäfte Lukrativ und zivil

Frankfurter Architekten rechtfertigen ihre Arbeit in Libyen. Mal eine Trabantenstadt für 30.000, mal ein neues Flughafen-Terminal für Sirte, die Heimatstadt von Diktator Muammar al-Gaddafi. Ihn selbst trafen die Frankfurter nie. Und schließlich habe sich doch auch die Weltbank in Libyen engagiert.

Flughafenterminal in Sirte. Foto: Jourdan & Müller.PAS

Was genau auf seiner riesigen Baustelle am Rande von Tripolis jetzt geschieht, weiß Jo. Franzke nicht. „Es ist unklar, ob da etwas zerstört wurde wie bei anderen ausländischen Projekten.“ Der Frankfurter Architekt und Planer ist einer von etlichen deutschen Baumeistern, die von der demokratischen Revolution im nordafrikanischen Libyen überrascht wurden. Das Büro des 69-Jährigen entwarf wahrscheinlich das größte deutsche Projekt in der Diktatur: Eine Trabantenstadt am Rande von Tripolis mit 4500 Wohnungen für 30.000 Menschen.

„Sie ist zu 25 bis 30 Prozent realisiert worden“, weiß Franzke. Er arbeitete für „einen Fonds, der der Familie Gaddafi gehört“. Als vor knapp einem Jahr „plötzlich der Geldstrom versiegte“, zog der Architekt seine Leute zurück. Bis auf zwei, die jetzt mit einer Transall der Bundeswehr ausgeflogen wurden.

Felix Jourdan erlebte noch, wie seine Pläne fast völlig verwirklicht wurden. Der junge Architekt vom Büro Jourdan/Müller entwarf das neuen Terminal des Flughafens von Sirte, Gaddafis Heimatstadt. „Wir haben unser Geld bekommen, nur die Außenanlagen wurden nicht mehr gebaut.“

Natürlich engagiert sich auch Frankfurts größtes Architektur- und Planungsbüro, Albert Speer&Partner (AS&P), in Libyen. „Wir haben einen Masterplan für die Innenstadt von Bengasi gemacht und einen möglichen Hochhaus-Standort in der Hauptstadt Tripolis untersucht“, berichtet Speers Partner Gerhard Brand. Verwirklicht wurden die Entwürfe nicht mehr.

Alle Architekten mussten für sich die Frage beantworten, ob man für eine Diktatur arbeiten darf. Franzke weiß wohl, dass zu der von ihm und seinem früheren Partner Magnus Kaminierz konzipierten Trabantenstadt „auch eine Polizeistation“ gehört: „Ich bedauere unser Engagement nicht, ich war der Meinung, das man Wohnungen sehr wohl errichten darf.“

Franzke betont, er habe Gaddafi selbst „nie getroffen“, ihn aber dennoch schon immer „für einen seltsamen Vogel gehalten.“ Architekt Jourdan rechtfertigt sein Flughafen-Terminal als „normales ziviles Projekt.“ Er argumentiert mit der wirtschaftlichen Wirklichkeit: „Wir Deutsche beziehen unser gesamtes Öl aus nicht demokratischen Staaten.“ Und schließlich baue sein Büro „auch in der Volksrepublik China“. Bei ihren Besuchen in Libyen sind weder Franzke noch Jourdan noch Brand nach eigenen Worten jemals mit Diktator Gaddafi selbst zusammengetroffen. „Mein Auftraggeber war die libysche Flughafenbehörde, mit der Familie habe ich nichts zu tun gehabt“, sagt Jourdan.

„Wir haben für die staatliche Entwicklungsgesellschaft gearbeitet und sind dabei nie auf Prominente getroffen, immer nur auf Leute aus der zweiten und dritten Reihe“, erzählt Brand. Das Honorar ging zuverlässig in Frankfurt ein, „bis auf einen kleinen Rest“.

Er erklärt die Regeln des international arbeitenden Büros Speer und Partner so: „Wir machen nichts Militärisches, ansonsten engagieren wir uns da, wo auch die Weltbank und die Bundesrepublik Deutschland sich engagieren.“ Den Architekten sei es stets wichtig, „die Wohn- und Lebensbedingungen der Bevölkerung vor Ort zu verbessern“. Auch die Vereinigten Staaten hätten Libyen „vom Schurkenstaat zur befreundeten Nation“ befördert. Im übrigen, fügt Brand hinzu: „Wie sollen wir kleines Architekturbüro die Weltpolitik beurteilen?“

Der 42-jährige Jourdan hat bei seinen Aufenthalten in Libyen viel erlebt, das ihn hoffen lässt für einen raschen und nachhaltigen demokratischen Aufbruch des Landes. So lernte er junge Architekten kennen, „die in Europa studiert haben“, und die sehr auf die Demokratie im westlichen Sinne setzten. Franzke ist skeptischer. Er glaubt, dass es dauern wird, „bis sich in Libyen demokratische Strukturen gebildet haben.“ Architekt Brand setzt auf einen raschen Wandel hin zur Demokratie in allen arabischen Staaten. „Wir arbeiten natürlich gerne für junge, aufstrebende Demokratien.“ Nicht zuletzt in Ägypten gab es aber schon vor dem Sturz des langjährigen Diktators Mubarak lukrative Aufträge für das Frankfurter Büro. So arbeitet ein Team von Albert Speer&Partner seit einiger Zeit am Masterplan für die Zukunft der zweitgrößten ägyptischen Großstadt Alexandria. „Der Auftrag steht aber leider gerade.“

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