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Frankfurter Filmemacher "Der Dritte König"

Zwei Frankfurter haben einen Antikriegs-Kurzfilm gedreht. Die Figuren des Kammerspiels sind fiktiv, die Hürtgenwaldschlacht im Jahr 1944 ist grausame Realität.

Der dritte König
Der GI Jamar (Kelvin Burkard) sucht während der verlustreichen Hürtgenwaldschlacht Zuflucht. Foto: Amos Zielinski

Erst hört man nur dieses Knirschen von Stiefeln im Schnee: Sogar auf den Augenbrauen des schwarzen US-Soldaten hat sich der Schnee festgesetzt. Mit einem Gewehr nähert er sich einer Waldhütte. Man sieht Frauenhände, die ängstlich und langsam die Tür öffnen. Das Gesicht der deutschen Frau ist voller Angst. Es ist Winter 1944. US-GI Jamar (Kelvin Burkard) sucht in den letzten eisigen Wintertagen der verlustreichen Hürtgenwaldschlacht Zuflucht.

    So beginnt der Teaser des Kurzfilms "Der Dritte König". Ein Antikriegsfilm, der Titel eine Anspielung auf die Heiligen Drei Könige. Zehn Kilometer von Bad Orb im Wald des hessischen Spessarts, unweit der Gemeinde Jossgrund, hat ihn der Frankfurter Autor und Regisseur Christoph Oliver Strunck vor wenigen Wochen in sieben Tagen abgedreht. Der 37-Jährige, der eine eigene Filmfirma namens Esperanto Entertainment hat, ist mit dem 35-jährigen Frankfurter Tonio Kellner (Neopol Film) auch der Produzent des Films. Gefördert wird die Produktion durch die Hessen-Film und Medien GmbH. Im Juli soll das Werk fertig sein. Der fiktive Stoff basiert auf geschichtlichen Fakten: Als "Hurtgenwald" (nach to hurt: verletzen) ist das knapp 150 Quadratkilometer große Waldgebiet Hürtgenwald südlich von Aachen in der US-amerikanischen Erinnerung. Fünf Monate und drei Schlachten brauchte die US-Armee, um das Gebiet einzunehmen. 35 000 Verletzte, davon 12 000 Tote, ein Viertel der Verluste in Vietnam. Ernest Hemingway, der im November 1944 als Kriegsreporter dort war, hat seine grausamen Erinnerungen im Roman "Über den Fluss und die Wälder" festgehalten.

    

Warum ausgerechnet ein Film über diese Schlacht im Zweiten Weltkrieg? "Das hätten auch die Kreuzzüge sein können. Es geht eigentlich darum, wie kann man eine Geschichte über Menschlichkeit an einem recht unmenschlichen Ort erzählen", sagt Regisseur Strunck. "Das Ganze auf einen schwarzen GI zuzuschneidern hat mich sehr gereizt, weil das gerade bei den Amerikanern gerne unter den Tisch gekehrt wird, dass die schwarzen US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg noch gar nicht gleichberechtigt waren", betont er. "Für mich als Autor war es spannend, einen Protagonisten zu haben, der weder im eigenen Land noch im Land, in dem er eingesetzt wird, auf Gegenliebe stößt. Ein Mensch, auf den keiner Lust hat", so Strunck.

    Kurz nachdem nun dieser GI in der Hütte aufgeschlagen ist, taucht der deutsche Wehrmachtsoldat Hans (Jonathan Berlin) auf, der eine Botschaft vom Vater der Familie zu überbringen hat. "Die Front des Krieges scheint plötzlich durch diese Hütte zu verlaufen", erzählt Strunck. "Jeder muss schauen, wie er überlebt, die Mutter, der kleine Sohn, der US-Soldat, der Wehrmachtsoldat. Jeder muss sein Recht erkämpfen und trotzdem das Ganze nicht eskalieren lassen. Das, was Krieg und Unmenschlichkeit ausmacht, ist auf engstem Raum als Kammerspiel inszeniert." Der Regisseur sagt: "Das Handeln wird nicht durch Rassismus oder Nazi-gebaren ausgelöst, sondern der eigentliche Auslöser ist Angst. Das ist auch bei der Flüchtlingsdebatte das Thema: eine Angst, die man nicht greifen kann und die aus der Unkenntnis heraus, den anderen nicht zu kennen, entsteht."

    In der Waldhütte warten Maria und ihr Sohn Peter auf die Rückkehr des Vaters Ludwig, auch er ein deutscher Soldat (Patrick Güldenberg). Gespielt wird Maria von Antonia Bill, die am Berliner Ensemble wirkt. Einem größeren Publikum ist sie seit Edgar Reitz' Kinofilm "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" bekannt. Die Schauspielerin habe sich sofort ins Drehbuch verliebt und zugesagt. 45 000 Euro gab es an Fördergeldern: "Das klingt nach viel Geld. Ist es aber nicht für einen aufwendig gedrehten Film. Das Team war bereit, im Landschulheim Wegscheide zu schlafen und die Kälte beim Dreh auszuhalten, obwohl das knappe Budget keine umfangreichen Wärmezelte oder eine noch komfortablere Set-Situation zuließ", erzählt Produzent Kellner.

    "Aber der Schnee war fantastisch für unsere Bilder. Wir haben uns viel Kunstschnee gespart. Und in der Masse hätten wir uns das auch nie leisten können. Sonst wären wir eine Hollywood-Produktion gewesen", sagt Kellner und lacht. Es wird zunächst eine Teampremiere in Frankfurt geben. "Kurzfilme haben einen schweren Weg ins Kino. Es wäre gut, wenn die Premiere auf einem möglichst bekannten amerikanischen Filmfestival startet. Denn wenn der Film bei Festivals prämiert wird, ist die Chance, dass er weltweit auf Tour geht, größer", sagt Kellner. Oder den Weg ins Fernsehen findet.

    "Der Dritte König" ist halb auf Englisch, halb auf Deutsch gedreht. Der GI spricht nur amerikanisches Englisch im Film, die Deutschen nur Deutsch. Deswegen gibt es Untertitel. Leben können Kellner und Strunck von der Nachwuchsförderung nicht. "Diese dient dazu zu zeigen, was wir können. Und uns vorzubereiten, die ersten Langfilme zu drehen, von denen wir dann auch leben können", sagt Kellner. Strunck ist zudem Leiter vom Film- und Kinobüro in Hessen. Ihr Brot- und Buttererwerb sind bislang Werbefilme.

    Sie haben vor vier Jahren die Netzwerkgruppe "Junge Generation Hessischer Film" gegründet. Beide betonen, dass große Kinoproduktionen wichtig fürs Hessen-Image sind: Strunck hat sogar für Schweighöfers "Der Schlussmacher" sämtliche Produktionsbedingungen auf den Weg gebracht, damit in Nordhessen gedreht werden konnte.

    "Um den Großen aber ernsthafte Konkurrenz machen zu können, muss der Nachwuchs aus Hessen nachhaltig gefördert werden, denn wenn das große Geld immer nur an Produktionen aus anderen Bundesländern fließt, dann werden wir uns nie in der Form etablieren können", sagt Kellner.

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