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Frankfurter Bühnen „Verlagert das Schauspiel nach Offenbach“

Der Theatermacher Willy Praml erzählt im Interview, warum er in der Not der Bühnen eine Chance sieht.

Theater Willy Praml | 25. Jubiläum | Proben zu "Genesis, 1. Kapitel, Altes Testament"
Willy Praml ist seit Jahrzehnten das Improvisieren gewohnt und rät es jetzt auch den Städtischen Bühnen. Foto: Peter Juelich

Herr Praml, wie reagierten Sie darauf, dass die Sanierung oder der Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt 900 Millionen Euro kosten sollen?
Man lacht sich kaputt, wenn man das hört. Wir leben in einem glücklichen Land. Und doch gibt es diesen Größenwahnsinn. Und zugleich, wenn wir uns jetzt hier umschauen in diesem Hinterhof im Gallus, in dem wir sitzen, existiert auch große Bescheidenheit und Einfachheit. Die Städtischen Bühnen müssen jetzt mit einem Provisorium zurechtkommen. Ich bin der Meinung, man soll die Theater-Doppelanlage sanieren. Ich hab etwas gegen diese Wegwerfmentalität. Kaum ist eine Schraube irgendwo kaputt, wird das gesamte Gerät weggeworfen.

Ein Teil der Bühnen-Anlage im Gebäude sind die Werkstätten, die gerade einmal zehn Jahre alt sind.
Ja, das ist ein Wahnsinn. Die Oper Frankfurt, so sagt man, hat die beste Bühnentechnik der Welt. Die Obermaschinerie des Schauspiels ist gerade erst modernisiert worden. Und das alles soll schon wieder abgerissen werden? Das ist wirklich Wegwerfmentalität.

Aber es gibt gravierende Probleme mit dem Brandschutz und anderen Sicherheitsbestimmungen.
Das mit dem Brandschutz muss man einordnen. Waren Sie einmal im Theater von Ariane Mnouchkine in Frankreich, in der Cartoucherie?

Leider noch nicht.
Wenn Sie dort im Zuschauerraum sind, da geht es extrem eng zu. Da sitzen 800 Leute auf engstem Raum. Niemanden stört es.

Ich kenne das von Bayreuth, da hockt man auch sehr eng aufeinander.
Was ich damit sagen will: In vielen Theatern werden auch bestimmte Zustände toleriert der Atmosphäre wegen. In der Regel ist es dann so, dass ein Neubau diesen Charme nicht mehr hat. Ich denke, man soll die Städtischen Bühnen behutsam sanieren. Und in dieser Zeit von fünf Jahren müssen die Oper und das Schauspiel dann mal herumtingeln. So machen wir schon ewig Theater. Ich lade die Bühnen gerne ein, bei uns in der Naxos-Halle eine Produktion zu machen.

Sie laden Sie ein?
Ja, sicher. Nicht über Jahre, aber mal für eine Produktion, damit sie wissen, unter welchen Umständen wir Theater machen in der Naxos-Halle. Ich könnte auch sagen: Ich bin Ästhet und ein Liebhaber schöner Dinge. Aber ich glaube nicht an die Schönheit der Moderne. Wenn etwas abgerissen und neu gebaut wird, kommt es in der Regel viel schlimmer.

Es gibt die Probleme, die es jetzt in Frankfurt mit den Städtischen Bühnen gibt, auch in anderen deutschen Städten, etwa in Stuttgart…
… oder in Köln.

In Stuttgart sagt man, die Sanierung nur der Oper werde 400 Millionen Euro kosten. Sind die Apparate der öffentlichen Bühnen zu groß geworden?
Ja, das denke ich. Wir haben jetzt in Frankfurt die größte Schauspielbühne im deutschsprachigen Raum. Die ist absolut erhaltenswert. Wie soll die denn neu gebaut werden? Die hat den Charme der 60er Jahre. In Köln wurde der Theaterbetrieb ausgelagert in eine Fabrikhalle nach Mühlheim, da habe ich die „Genesis“ gesehen. Das war ein schöner Raum dort, diese Halle. Aber da zog dann die Künstlichkeit des Stadttheaters ein. Da wurde alles ausgekleidet und es wurden Bühnenbilder gebaut, die mit dem Raum nichts zu tun hatten …

… die haben sich gar nicht auf die Halle bezogen?
Genau. Wenn das Schauspiel Frankfurt jetzt mal fünf Jahre ausziehen müsste, würde es dem Theater gut tun. Die müssten sich auf neue Räume einstellen. So wie wir Theater machen, sollen die auch Theater machen.

Ihr Theater war immer schon ein Theater der Improvisation.
Ja natürlich. Wir haben nicht mal einen Hausmeister. Aber das ist ja nicht schlimm, weil wir Spass haben. Jede Produktion muss immer anders aussehen, immer neu mit dem Raum umgehen. Das soll jetzt auch das Schauspiel machen. Wir haben das bei uns diskutiert. Eine der wahnwitzigsten Ideen war, man soll das Schauspiel nach Offenbach auslagern.

Warum gerade Offenbach?
Weil es dazu dienen würde, dass die beiden Städte mehr zusammenwachsen. Heute fährt man mit der Straßenbahn ans Ende von Frankfurt und muss dann umsteigen. Das ist absurd.

Früher fuhr die Straßenbahn durch zum Offenbacher Marktplatz.
Ja, das war schön. Das Schauspiel in Offenbach: Das wäre eine künstlerische Verbindung zwischen beiden Städten.

Eine solche Situation ist also auch eine künstlerische Chance?
Ja, unbedingt. Das Tingeln ist eine Chance.

Mit welchem Etat muss das Theater Willy Praml auskommen?
Wir sind 2016 fünfundzwanzig Jahre alt geworden. Vorher habe ich Lehrlings- und Gastarbeiter-Theater gemacht. Der erste Zuschuss von der Stadt, den wir bekamen, war 1500 Mark im Jahr. Für die erste Inszenierung 1991 im Gallustheater. Dann wurden wir in die feste Förderung aufgenommen. Die letzte Zeit haben wir 85 000 Euro im Jahr bekommen. Seit 2000 sind wir in der Naxos-Halle, einem tollen Ort. Den haben wir ausgebaut. Wir können von unserem Theater leben. Wir sind fünf Leute, einschließlich einer Bürokraft. Wir holen uns immer wieder Schauspieler als Gäste.

Jetzt heißt es, mit dem Neubau der Städtischen Bühnen soll ein weltweites architektonisches Zeichen gesetzt werden.
Das Theater am Willy-Brandt-Platz ist eine schöne alte Schachtel. Sie ist, wie Frankfurt nun mal ist. Die ganze Innenstadt ist scheußlich. Die Stadtteile funktionieren. Jetzt könnt ich mich aufschwingen und sagen: Jetzt machen wir mal Sydney mit den neuen Bühnen…

… der frühere Planungsdezernent Martin Wentz sagt, Frankfurt soll sich an dem Guggenheim Museum in Bilbao orientieren…
… aber ich glaube das dem Frankfurt nicht. Ich lache mich kaputt, dass jetzt die Altstadt wieder aufgebaut wird. Aber man sieht daran, wie scheußlich Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde. So scheußlich, dass die Leute eine Sehnsucht nach der Altstadt bekamen.

Sie raten bei den Bühnen zur Bescheidenheit?
Ja, absolut. Ich behaupte, man kann sehr viel Geld einsparen an jedem deutschen Stadttheater, indem man die Apparate reduziert. Es gibt da eine wahnsinnige Überbesetzung, 1000 Leute bei den Städtischen Bühnen in Frankfurt. Und so eine cleane Architektur wie Sydney oder Bilbao, das passt eigentlich gar nicht nach Frankfurt. Frankfurt ist eine Schmuddelstadt. Das ist das Schöne. Das ist der Charme.

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