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Frankfurter Beschwerdechor Sing mir ein Lied vom Leid

Heulen, jammern, klagen: In einem Hinterhof im Nordend beschwert sich ein «Meckerchor» in den höchsten Tönen. Auch der umstrittene Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist im Repertoire.

03.12.2013 12:41
Laura Lewandowski
Der musikalische Leiter Philipp Höhler (hinten) dirigiert den Frankfurter Beschwerdechor, der sich einmal in der Woche zum Proben trifft. Foto: dpa

Heulen, jammern, klagen: In einem Hinterhof im Nordend beschwert sich ein «Meckerchor» in den höchsten Tönen. Auch der umstrittene Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist im Repertoire.

«Hände in die Höhe, tief einatmen, rauspusten.» Dirigent Philipp Höhler zeigt, wie man seinem Ärger Luft macht. Das Aufwärmprogramm zu Beginn der Chorstunde ist Pflicht: Um Probleme herauszuposaunen, muss die Lunge warm sein. Nur so gelingt es, den richtigen Ton zu treffen - und der macht bekanntlich die Musik.

In einem Hinterhaus in der Eckenheimer Landstraße treffen sich jeden Mittwoch die Mitglieder des Frankfurter Beschwerdechors, um melodisch abzurechnen. Anlässe gibt es reichlich: Naturkatastrophen, gesellschaftliche Aufreger bis hin zu Banalitäten des Alltags und persönlichen Kummer. «Jeder ist bei uns willkommen», erklärt Musikwissenschaftler Höhler. «Ob jung oder alt: Wer eine Klage hat, darf diese einreichen.» Eine Portion Zynismus und politisches Interesse sind dabei gerne gesehen.

"O Kohle mio"

Über den umstrittenen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und den teuren neuen Bischofssitz stimmt der Chor ein Lied in D-Dur an: Aus der Melodie von «O sole mio» wird kurzerhand «O Kohle mio». Denn «hinter Klostermauern (...) sät ein Bischof heimlich und privat, die Saat vom neuen Luxuskirchenstaat», singen sie. Manchmal unterbrechen Gekicher und Gelächter den nahezu andächtigen Gesang. Darüber beschwert sich übrigens niemand - genauso wenig wie über den einen oder anderen schiefen Ton.

Immer wieder klagt der Chor auch öffentlich: Auf Fluglärmdemonstrationen etwa oder zur Unterstützung des Occupy-Camps vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. «Gemeinsam wollen wir die Bürger aufmerksam machen», sagt Höhler.

Teils texten die Mitglieder ihre Beschwerde zu bekannten Melodien, teils komponieren sie die Stücke auch selbst. Zur musikalischen Untermalung von Pianist Hans-Joachim Steinbrück dirigiert Höhler seit zwei Jahren Beschwerden im Akkord. Wichtig sei, dass diese von allen geteilt werden, erklärt Höhler. Einen gemeinsamen Nenner zu finden, werde manchmal zur Herausforderung und könne zu anregenden Diskussionen führen.

Ärger entgegentreten

Vater des ungewöhnlichen Singkreises in der Mainmetropole ist Steinbrück. Als Projektleiter des Frankfurter Kunstvereins hat er den Laienchor vor vier Jahren ins Leben gerufen. Zunächst nur als vorübergehendes Projekt angelegt, entwickelte sich der Chor zu einer «unabhängigen Gemeinschaft», erzählt Höhler. Knapp 30 Sängerinnen und Sänger treffen sich wöchentlich, um in den höchsten Tönen zu lamentieren.

Die Idee des Beschwerdechors geht auf das deutsch-finnische Ehepaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen zurück. Mit ihrem «Complaints Choir» wollten sie erstmals 2005 negative Energie in etwas Lustiges und Positives umwandeln. Inzwischen trällern sich Höhler zufolge Menschen weltweit ihre Sorgen von der Seele.

Psychologin Heike Winter findet die Idee «extrem gut». Die Teilnehmer lernten, Sorgen aus einer anderen Perspektive zu betrachten und dem Ärger auf eine humorvolle Weise entgegenzutreten. «Probleme in Form von Gesang zu verarbeiten hat dabei einen besonderen Vorteil», erklärt die Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. «Singen fördert die Ausschüttung von Glückshormonen und fördert die Entspannung. Zudem wurde eine antidepressive Wirkung nachgewiesen.»

Gabi Kösters meckert seit vier Jahren leidenschaftlich im Frankfurter Chor mit. «Teilt man Probleme, sind sie nur halb so schlimm», sagt sie. «Ich schätze besonders das menschliche Miteinander in unserer Gruppe. Wir tragen uns durch Krisen und sind auch im Alltag füreinander da.» (dpa)

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