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Frankfurter Bahnhofsviertel Spannungen unterm Rotlicht

An diesem Donnerstag wird sich das Frankfurter Bahnhofsviertel wieder einmal von seiner urbanen Seite zeigen. Doch die Bewohner treibt eine neue Debatte über die Drogenszene um.

15.08.2012 21:27
Felix Helbig
Berüchtigter Kiez: Im Bahnhofsviertel prallen Welten aufeinander. Foto: Arne Dedert/dpa

Holger Priedemuth ärgert sich über die Schärfe, die da plötzlich reingekommen sei, ganz so, als habe sich auf einmal alles verändert. Priedemuth, 38, sitzt am Tisch einer Wohngemeinschaft hoch über den Dächern der Taunusstraße, es gebe da einen neuen Ton im Viertel, sagt er, aus dem ganz viel Unbehagen spreche. „Ärgerlich ist, dass sich das genau gegen jene richtet, die sich am wenigsten wehren können: gegen die Suchtkranken.

An diesem Donnerstag wird sich das Frankfurter Bahnhofsviertel wieder einmal von seiner urbanen Seite zeigen, bunt und ruhelos, der schrillste Kiez der Stadt, das sind so die gängigen Stereotype. Zur Bahnhofsviertelnacht lässt sich auch die gepflegtere Stadtgesellschaft gerne einmal durch Laufhäuser und Moscheen führen, manch einer wird sich sogar beim Drogennotdienst interessiert umschauen, und am Ende werden alle der Ansicht sein, dass dieses Viertel ja wirklich urban ist. Und bunt und ruhelos und schrill natürlich.

Für die Bewohner leitet sich daraus eine Debatte ab, die wohl eine untergeordnete Rolle spielen wird bei der Vorzeigenacht, die aber deutlich an Fahrt gewonnen hat: Es geht um die Drogenszene und um die Frage, ob sie zur Gefahr für das Viertel wird, wie es eine Initiative kürzlich formulierte. Oder ob es vielmehr eine Gefahr für das Viertel ist, genau das zu behaupten, wie die neuere Initiative von Holger Priedemuth und einigen Mitstreitern sagt. Am WG-Tisch über der Taunusstraße sitzen auch Andreas Folkers, 29, Bernhard Unterholzner, 31, und Boris Zdravkovski, 33, sie haben sich mit anderen zur Mittwochsgruppe zusammengeschlossen.

"Unerträglich geworden"

Vor wenigen Tagen haben sie eine Petition ins Internet gestellt, die sich gegen eine restriktive Drogenpolitik wendet, gegen eine Kritik am „Frankfurter Weg“ mit seinen Druckräumen für Suchtkranke, der eigentlich als bewährt gilt. Auslöser war ein offener Brief, den eine Initiative von Anwohnern im Frühjahr an den Magistrat geschickt hatte. Der Brief handelte von Menschen, die mit Spritzen in den Venen in Hauseingängen liegen, von herumliegenden Crackpfeifen, torkelnden Drogenabhängige, kurzum: „unerträglichen Zuständen“ und einem „abnehmenden Sicherheitsgefühl“ durch den „unerträglich gewordenen Drogenkonsum“ im Viertel.

Der Brief mündete in eine Kritik am „Frankfurter Weg“, der „nicht ausreichend“ funktioniere. „Wir können das so gar nicht bestätigen“, sagt Andreas Folkers, „wir sehen die Junkies als Bewohner des Viertels, auch wenn sie keinen Wohnsitz hier haben.“ Ihnen nun mit einer „Law-and-Order-Politik“ zu begegnen, „wäre die viel größere Beeinträchtigung für das Leben im Viertel“.

Die Stadt hat das Wohnen im Bahnhofsviertel in den vergangenen Jahren erheblich gefördert, sie hat viel Geld investiert vor allem in die Umwandlung von Büros in Wohnungen. Dieses Förderprojekt ist durchaus gut gelungen, binnen sechs Jahren ist die Zahl der Wohnungen um 20 Prozent auf mehr als 2100 gestiegen. Aber es ist eben auch ein sehr diskussionsfreudiges Volk, dass die Stadt sich da eingehandelt hat: Die Petition der Mittwochsgruppe hat binnen weniger Tage mehr als 250 Unterstützer gefunden.

Neue und alte Anwohner, die etwa zu Werkstatt-Treffen zusammenkommen, treiben steigende Mieten um und ein dadurch drohender kultureller Verlust. Für die Mittwochsgruppe ist das die größere Gefahr als Suchtkranke. „Es ist ein spannendes Viertel“, sagt Priedemuth, „eben auch, weil es manchmal Spannungen gibt.“

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