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Frankfurt Wut und Trotz gegen Erdogan

Rund 300 Kurden demonstrieren gegen die Verhaftung von Abgeordneten in der Türkei. Nach anfänglichen Scharmützeln verläuft die Demo weitgehend friedlich.

Polizei und Demoordner versuchen, wütende Demonstranten vor dem türkischen Konsulat zu beruhigen. Foto: Monika Müller

Einen kurzen Augenblick lang droht an diesem Freitagmittag die Situation vor dem türkischen Konsulat an der Kennedyallee zu eskalieren. Polizisten in Kampfmontur sehen sich auf einmal einer vorpreschenden Menge gegenüber. Etwa 50 der zu diesem Zeitpunkt rund 300 kurdischen Demonstranten preschen vor, versuchen durch den Kordon aus Behelmten und dicht aneinanderstehenden Polizeibussen zu brechen. Es folgen Handgemenge, einige Demonstranten gehen zu Boden. Doch nach weniger als einer Minute beruhigen sich die Gemüter wieder. Ältere Demonstrationsteilnehmer drängen ihre wütenden Landsleute zurück auf die gegenüberliegende Straßenseite.

Es ist der ruppige Auftakt zu einer im restlichen Verlauf weitgehend friedlichen Demonstration, die sich gegen die Verhaftung mehrerer Parlamentsabgeordneter und der beiden Vorsitzenden der kurdischen Partei HDP in der Türkei richtete. Über die sozialen Netzwerke hatte sich die Nachricht am Vorabend auch in der kurdischen Gemeinde im Rhein-Main-Gebiet verbreitet. Eine erste kleinere Demonstration hatte es bereits Donnerstagnacht auf dem Römer gegeben. Spontan hatten daraufhin kurdische Organisationen und Einzelpersonen zu Protesten vor der türkischen Botschaft aufgerufen.

„Dieser Mann ist einfach ein Diktator“, sagt Sevgi Celik und meint damit den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Celik lebt 25 Jahren in Frankfurt, ihre Familie aber stammt aus der Region Dersim in der Osttürkei. „Er will, dass die Kurden vor ihm knien. Aber das kriegt er nicht.“

Celik klingt entschlossen trotzig. Ein Trotz, der aus Wut erwächst, die sich in Parolen wie „Terrorist – Türkei“ oder „Erdogan – Faschist“ widerspiegelt. Und ab und an bricht sich diese Wut Bahn. Etwa als mehrere Personen auf dem Botschaftsgelände den Wolfsgruß der rechtsextremistischen Grauen Wölfe zeigen. Ob es sich dabei um Botschaftsangestellte handelte oder Besucher, bleibt unklar. Die Provokateure verschwinden im Botschaftsgebäude. Die Wut müssen Polizei und ältere Demonstrationsteilnehmer besänftigen.

Es bleibt nicht der einzige Vorfall dieser Art. Gegen 13 Uhr ziehen die Demonstranten über die Stresemannallee in Richtung Bahnhofsviertel. Flaggen des De-facto-Kurdenstaats Rojava sind zu sehen, Fahnen der HDP und vereinzelt auch das Konterfei Abdullah Öcalans, des inhaftierten Führers der auch in Deutschland verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Als sich der Demonstrationszug auf der Friedensbrücke befindet, ruft ein Autofahrer „Erdogan!“ in Richtung der Kurden. Wieder sind es ältere Demonstranten, die einen Übergriff verhindern, während die Polizei den schreienden Autofahrer zurechtweist. Festnahmen gibt es an diesem Freitag keine.

Es ist ein Schauspiel, das sich auf dem Weg zur Hauptwache noch einige Male wiederholen wird und das darauf hindeutet, dass auch in Frankfurt die Spannungen zwischen Kurden und Türken zunehmen. „Ich glaube, hier kommt es zu einer immer stärkeren Trennung“, sagt Vildan Dirik, Vorsitzende des demokratisch-kurdischen Gesellschaftszentrums in Offenbach, „wir können nicht mehr miteinander reden.“

Neben dem türkischen Präsidenten ist es vor allem die Bundesregierung, die ob ihrer TürkeiPolitik in Zentrum der Kritik der Demonstranten steht. „Es ist eine Riesensauerei, die in der Türkei passiert“, hatte Ulrich Wilken, Abgeordneter der Linken im Hessischen Landtag, vor dem Konsulat erklärt, „und sie passiert mit deutscher Unterstützung.“ Der Chor der Demonstranten fasst diese Ansicht prägnanter zusammen: „Merkel finanziert – Erdogan bombardiert“.

Die Abschlusskundgebung findet schließlich um 14.30 Uhr an der Hauptwache statt. „Alle Staaten, die mit dem Regime zusammenarbeiten, sind Kollaborateure und müssen unter Druck gesetzt werden“, heißt es in einer der Reden. Das soll in den kommenden Tagen durch weitere Demonstrationen geschehen. „Nehmen wir uns die Straße“, fordert eine Rednerin unter Applaus.

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