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Frankfurt-Westend Gute Literatur trifft Politik

Die Anfänge der Autorenbuchhandlung Marx & Co fielen in eine Zeit des Aufbruchs im linken Lager. Von der Misere des Buchhandels spürt man in dem Geschäft an der Ecke Grüneburgweg/Parkstraße wenig.

Die frühen 70er im Westend prägten Hausbesetzungen, hier in der Bockenheimer Landstraße .... Foto: Winkler

In der Buchhandlung an der Ecke Grüneburgweg/Parkstraße herrscht reges Kommen und Gehen: Alle drei Minuten öffnet sich die Glastür. Besucher jeden Alters fragen nach Neuerscheinungen, plaudern mit den beiden Buchhändlerinnen oder schlendern an den meterhohen Regalen entlang, ziehen mal hier ein Buch raus, mal da. Von der Misere des Buchhandels bemerkt man wenig. Die Autorenbuchhandlung Marx & Co scheint gut besucht und lebendig.

In der Auslage liegen die neuesten Romane von Taiye Selasi und Robert Seethaler neben großen Schwarzweiß-Bildbänden von Barbara Klemm. In einem separaten Bereich sind die Sozial- und Geisteswissenschaften untergebracht – mit linkem Einschlag. Vergeblich sucht man dagegen reißerisch gestaltete US-Krimis.

„Die gute Literatur wollen wir verkaufen, hat Erika Tapp immer gesagt“, erinnert sich Barbara Determann. „Nicht den Boulevard, nicht die Bestseller.“ Barbara Determann ist eine von zwei Geschäftsführerinnen. Erika Tapp, ihre Vorgängerin, hat die Autorenbuchhandlung – wie sie damals noch schlicht hieß – gegründet. Die Idee: Autoren sollten als Gesellschafter der Buchhandlung auftreten, im Gegenzug würde sich das Geschäft verpflichten, jederzeit das gesamte ?uvre der Teilhaber anzubieten. Im Gründungsaufruf hieß es, Autoren und Leser sollten sich nicht weiter von „anonymen Marktkräften“ überrollen lassen, sondern die Sache selbst in die Hand nehmen.

Als die Buchhandlung 1979 eröffnete, schwebte sie nicht im luftleeren Raum. In der Festschrift „Bücher sind unser Kapital“ zum 25. Geburtstag erinnerte Robert Gernhardt – wie alle Kräfte der Neuen Frankfurter Schule war er Mitgesellschafter – an das Jahr 1979, das „kein Jahr wie jedes andere“ gewesen sei. Ein „Jahr des Aufbruchs“ nannte er es: „Die drei Tornados, Karl Napps Chaos Theater, die taz, die Titanic und die Grünen schlüpften [...] plusminus zur gleichen Zeit aus dem Ei.“

Gernhardt sah das Gründungsfieber als Ausdruck einer allgemeinen Erleichterung im „sagen-wir-mal linksliberalen Lager“. Vorbei die „bleierne Zeit“ der frühen 70er, des maoistisch-leninistischen Dogmatismus und der RAF. Im Westend hieß es auch: Vorbei die Zeit der Hausbesetzungen, der brutalen Straßenschlachten um feudale Stadtvillen, die von „Spekulanten“ der Verwahrlosung preisgegeben wurden, um sie später abzureißen und an ihrer Stelle Bürotürme zu errichten.

Aus dieser Zeit im Westend übriggeblieben waren Ex-Hausbesetzer, die zwar einigermaßen bürgerlich geworden waren, das Viertel aber nicht ganz der Oberschicht überlassen wollten. Viele der Autoren hätten im Westend gewohnt, erzählt Barbara Determann. Sonst sei allerdings nicht viel losgewesen: „Wie hieß nochmal diese Kneipe, in die man hier damals ging?“, ruft sie ihrer Kollegin Irmgard Irle zu. „Eppstein Eck“, kommt es zurück.

Dann wurde in den 90ern der Umzug der Uni auf das IG-Farben-Gelände beschlossen. Für die Autorenbuchhandlung ein Gewinn, jedoch problematisch für die Karl-Marx-Buchhandlung, die – ursprünglich ebenfalls im Westend gegründet – seit 1972 in Bockenheim Studierende mit politischer Literatur versorgte und es bis heute tut. Da man sich lange kannte, wurde bald eine Fusion beschlossen, und ein Teil des Sortiments aus „der Karl Marx“ zog ins Westend – gemeinsam mit Barbara Determann, die jahrelang in Bockenheim dabei war.

Heute treffen sich auf Lesungen gediegene Westendler, Ex-Aktivisten und Studierende. Determann gefällt’s: Die Älteren schimpften gerne mit „empörtem Gestus“ über die angepasste, unbewegte Jugend. „Aber dann sehen sie: Die jungen Leute sind hier, sie interessieren sich, sie sind aktiv.“ Es geht eben weiter.

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