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Frankfurt Vespa-Laden in Bockenheim schließt

Nach 62 Jahren schließt Dieter Reiter sein Vespa-Geschäft in Frankfurt-Bockenheim. Einen Nachfolger hat er wegen der hohen Nebenkosten nicht gefunden.

Zwischen Rollern und Fahrradreifen hat Dieter Reiter von Sondergeld Zweiräder ein Berufsleben verbracht. Foto: Christoph Boeckheler

Es sollte noch drei Monate dauern bis zum Gewinn der ersten Fußball-Weltmeisterschaft für Deutschland, da begann Dieter Reiter seine Lehre am Schönhof in Bockenheim. Ostern 1954 war das. Reiter war nicht nur der Auszubildende, sondern auch eine Art Ziehkind von Alfons Sondergeld, dem Chef.

„Er hat alles für mich gemacht, da er keine Kinder hatte, war ich wie ein Sohn für ihn“, erinnert sich Reiter. Sondergeld hatte 1925 am Schönhof-Eck angefangen mit seinem „Fahrrad-Haus“ und dem Bau von Seitenwagen für Motorräder, damals noch auf der anderen Straßenseite. Nach dem Krieg zog das Zweiradgeschäft an seinen heutigen Standort, Rödelheimer Straße 32. Reiter hat dort 62 Jahre gearbeitet, als Lehrling, Geselle, Meister und ab 1974 als Chef.

Ende März kommenden Jahres ist jetzt Schluss, der Räumungsverkauf hat bereits begonnen. „Ich habe drei Jahre versucht, einen Fachmann für die Nachfolge zu finden“, sagt Dieter Reiter. Aber das Zweiradgeschäft, das schon seit 1960 auch Vespa-Roller verkauft, sei wegen der hohen Erbpacht, kaum noch rentabel zu betreiben, weiß der heute 76-Jährige selbst.

930 Euro pro Quadratmeter müssen mittlerweile am Schönhof gezahlt werden. Reiter hält kurz inne und schüttelt den Kopf. Er kann sich noch gut an die ländliche Idylle am Schönhof erinnern, in der er auch groß geworden ist. Gemeinsam mit seiner Mutter und den drei Schwestern bekamen sie von der Stadt das alte Herrenhaus in der Rödelheimer Straße zugewiesen.

In unmittelbarer Nachbarschaft lagen die Pferdeställe für die Straßenbahn, ein Schweinestall und ein Gutshof. „Wir haben dort Disteln gestochen und Rhabarber geerntet, es war eine wunderbare Kindheit“, sagt Reiter. Mit dem Ausbau der Breitenbachbrücke 1960 verschwand die ländliche Idylle am Schönhof allmählich. An der Ecke zur Schloßstraße stand noch bis Mitte der 60er Jahre ein Schutzpolizist und regelte den Verkehr. „Der hat bei uns immer seinen Kaffee getrunken“, erinnert sich Reiter. Etwa zur selben Zeit nahm „Sondergeld Zweiräder“ wegen der aufkommenden Motorisierung auch Vespa-Roller ins Sortiment. Die Verkaufszahlen wuchsen stetig und hatten 1989, als Reiter das Haus in der Rödelheimer Straße 32 komplett neu bauen ließ, bald ihren Höhepunkt erreicht.

„Anfang der 90er Jahre haben wir 200 Roller im Jahr verkauft.“ Vor dem Geschäft standen 30 Roller in allen Farben. Bis zuletzt hat Reiter aber noch über 100 Motorroller im Jahr verkauft. Mit dem Abverkauf der Fahrräder hat die Firma hingegen schon vor zwei Jahren begonnen. Die 45 Motorroller, die Sondergeld noch hat, wird Reiter wohl bis zur Aufgabe des Geschäfts Ende März nicht mehr verkaufen können. „Im Winter läuft es schlecht, da muss man meist Geld von daheim mitbringen“, sagt er.

Vielleicht findet er noch einen kleinen Laden, um die letzten Roller zu verkaufen. Aber jetzt hat er erstmal das große Haus verkauft. „Ich bin jetzt schuldenfrei, es tut mir aber auch ein bisschen weh“, gesteht der Zweirad-Meister. Nur die kleine Werkstatt im Haus will er behalten, damit die Stammkundschaft weiter mit den Rollern kommen kann.

Dort wo jetzt noch der Verkaufsraum ist, hat der Nachfolger ein Frühstückscafé geplant. Dem Schönhof wird Reiter aber treu bleiben. Er wohnt mittlerweile wieder in dem alten Herrenhaus seiner Kindheit.

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