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Frankfurt-Unterliederbach Ausflug an die Autobahn

Der Auto-Engel im Frankfurter Stadtteil Unterliederbach war einst die größte Tankstelle Deutschlands. Sonntags reichten die Tankwarte dort den Damen vor der Abfahrt einen Rosenstrauß. Was vom Auto-Engel übrig geblieben ist, zeigt das Heimatmuseum.

15.10.2014 08:08
Georg Grodensky
Wilhelm Engels erste Tankstelle an der Liederbacher Straße, etwa 1920/1923. Foto: A. Helfenbein

Wilhelm Engel war ein Mann mit Weitsicht, mindestens aber ein gerissener Hund. Eine Weile hat er die Großtankstelle Auto-Engel am Rand von Unterliederbach betrieben. Wie groß die war? Die größte in Deutschland. Das hat der Industrie- und Handelstag am 24. April 1951 in einem Schreiben bestätigt.

Der Auto-Engel ist natürlich nicht einfach so aufgetaucht. Als junger Mann hat Engel zunächst ein Taxiunternehmen eröffnet. „Damals gab es keine Tankstellen“, erinnert sich Hobby-Historiker Heinz Alexander. Benzin kauften Kraftfahrer in Drogerie oder Apotheke. Das ist Engel zu mühsam gewesen. Er stellte sich eine eigene Fasspumpe auf den Hof an der Liederbacher Straße.

Damit hat er aber nicht nur seinen eigenen Wagen versorgt. Bald expandierte er mit einer kleinen Tankstelle an die Königsteiner Straße. In etwa dort, wo heute die Autobahn-Auffahrt ist. Von dort aus hat er vermutlich versonnen auf den alten Verbindungsweg der Römer geschaut, die Elisabethenstraße, damals ein etwas besserer Feldweg. Rechtzeitig sicherte sich Engel Grundstücke auf Unterliederbacher und Sulzbacher Gemarkung.

Eine gelungene Investition. 1933 wurde die Autoumgehungsstraße Frankfurt-Wiesbaden zwischen Zeilsheim und Sossenheim auf neun Meter Breite ausgebaut. Die Abfahrten nach Unterliederbach und Sulzbach regelte ein Kreisverkehr. Genau in der Mitte: Engels ehemalige Fasspumpe, mittlerweile Großtankstelle. Zwölf Zapfsäulen bot der „Auto-Engel“ zu Anfang, eine Gaststätte zur Einkehr und Rosengärten auf den Feldern ringsherum.

Die waren nicht nur hübsch anzusehen, sie dienten auch dem Marketing. „Sonntags trugen die Tankwarte weiße Overalls und überreichten den Damen vor der Abfahrt einen Rosenstrauß“, erinnert sich Margot Lesniewski in ihrem Buch „Ach, wie war das damals...“. Der Auto-Engel ist Ausflugsziel gewesen. Lesniewski und Freunde haben als Kinder mit Bleistift und Notizblock ausgestattet am Straßenrand gehockt und die Kennzeichen der vorbeifahrenden Autos notiert.

Von der Stadt zwangsenteignet

Der Auto-Engel florierte nach dem Krieg noch mehr. 21 Zapfsäulen und 30 Beschäftigte machten den Engel zur Nummer eins deutschlandweit. „Er hat die Aufbruchstimmung genutzt“, erzählt Karl Otto Müller, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins. Die Menschen gingen wieder auf Reisen, meistens mit dem Bus. Engels Rasthaus kam ihnen wie gerufen. „Am Wochenende hat er mittags bis zu zehn Busse abgefertigt“, sagt Müller.

Wilhelm Engels größter Coup ist aber geplatzt – das verdankt er ausgerechnet dem Siegeszug der deutschen Autobahn. Seine Ländereien hatte Engel nutzen wollen, ein großes Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt zu bauen. Kontakte zu kanadischen Investoren waren bereits geknüpft.

1962 ist die Elisabethenstraße vierspurig ausgebaut worden. An Stelle der Tankstelle errichteten die Verkehrsexperten eine Brücke. Darunter führte die Königsteiner entlang. Die Stadt Frankfurt musste Engel dafür allerdings zwangsenteignen. „Wir haben einen Schulausflug zur Brücke gemacht“, erzählt Müller. Die Schüler bekamen einen Querschnitt des Bodens geboten. An „Schichten aus der Römerzeit“, erinnert sich Müller. Die Stadt sprach Engel zwei Tankstellen zu, die heute noch an der A 66 geöffnet sind. Das Einkaufszentrum bauten die Sulzbacher.

Was vom Auto-Engel übrig geblieben ist zeigt das Heimatmuseum, Liederbacher Straße 131, in einer kleine Vitrine. Anmeldung über Telefon 300 95 10.

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