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Frankfurt und Zecken Der Main stoppt die Zecken

Frankfurter Forscher testen fast 12.500 Gemeine Holzböcke auf Krankheiten. Südlich des Mains gibt es deutlich mehr Infektionen durch Zecken. Der Fluss stellt ein unüberwindbares Hindernis dar.

Was da alles zwicken kann. Menschen furchtlos am Main. Foto: Christoph Boeckheler

.Der Satz löst ein gewisses Befremden aus: Insgesamt 12.497 Zecken der Art Ixodes ricinus, des Gemeinen Holzbocks, sammelten die Forscher ein. Wie, um alles in der Welt, macht man denn das? „Keine große Sache“, sagt der Insektenkundler Jens Amendt vom Institut für Rechtsmedizin und forensische Biologie. „Die Standardmethode nennt sich Flaggen.“ Dabei ziehen die Zeckensammler einen Tüllstoff, wie er etwa für Windeln verwendet wird, über die krautige Schicht am Boden. „Die Zecken bleiben an dem Stoff hängen, sie halten sich fest. Man muss sie nur noch vom Stoff ablösen und in Gefäße geben.“

Kein Grund zur Panik

Das taten Wissenschaftler des Frankfurter Biodiversität-und-Klima-Forschungszentrums (BiK-F) und des Klinikums der Goethe-Universität im großen Stil. Fünf bis sechs Sammler gingen im Rahmen zweier Diplomarbeiten auf die Jagd, die besonders erfolgreich ist, wenn es warm und trocken ist. Die Mission: Sie wollten herausfinden, wie viele Zecken die Erreger von Lyme-Borreliose oder Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) in sich tragen. Zahlen dazu fehlten bisher; das Infektionsrisiko bemaß sich stets an der Zahl der Krankheitsfälle aus den Vorjahren. Ergebnis der Zeckensammlung: In Hessen gibt es keinen Grund zur Panik. „Nicht einmal jede fünfte Zecke ist von Borrelien befallen“, sagt Amendt, „und nur etwa jede vierte Zecke überträgt die Krankheit auch an ihren Wirt.“ Bemerkt der Mensch früh genug, dass sich solch ein Tier an ihm festgebissen hat, und entfernt er es zügig, dann kann ihm der Biss auch nichts anhaben. Immerhin dauert es bis zu 24 Stunden, ehe die Bakterien das Blut infizieren.

Vier Risikogebiete

Bei der FSME ist die Gefahr einer Ansteckung in unseren Breiten noch geringer. Nur in vier hessischen Gebieten fanden die Forscher Viren der Hirnhautentzündung, und dort auch nur in 0,8 Prozent der Proben. Die vier Risikogebiete sind laut Amendt in der Nähe von Neu-Isenburg, bei Seligenstadt, nahe Darmstadt und bei Mühlheim, besonders aufpassen sollte man dort jeweils am Wegesrand in Waldnähe. Auffällig ist, dass sämtliche Risikogebiete im Süden des Rhein-Main-Gebiets liegen. „Wenn man die Verteilung betrachtet, waren südlich des Mains deutlich mehr Zecken positiv für Borrelia-Arten als nördlich davon“, sagt Projektgruppenleiter Ulrich Kuch vom BiK-F: „Der Main stellt also eine natürliche Barriere dar.“ Eine mögliche Ursache sei, dass Flüsse für Wirtstiere meist unüberwindbare Hindernisse sind, abgesehen etwa von Vögeln und Fledermäusen. So hindert der Main Zecken wie transportierte Krankheitserreger an der Ausbreitung.

Alarmierend würden die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Studie jedenfalls nicht nennen, die sie im Fachmagazin „Ticks and Tick-borne Diseases“ (Zecken und von Zecken verursachte Krankheiten) veröffentlicht haben. „Wir haben einen weißen Fleck auf der Landkarte gefüllt“, sagt Amendt, der übrigens als forensischer Biologe auch dafür zuständig ist, den Todeszeitpunkt menschlicher Leichen anhand ihres Insektenbefalls zu ermitteln.

Vielschichtige Arbeit

Da ist die Arbeit mit den Zecken weitaus weniger dramatisch, aber vielschichtig. Den Gemeinen Holzbock gibt es überall in Mitteleuropa, Krankheitsfälle bei Menschen sind sehr unterschiedlich verteilt. In Deutschland gibt es bis zu 100.000 Borreliose-Neuinfektionen im Jahr, schätzen die Fachleute. Sie wollen mehr über die Verbreitung erfahren – vor allem über die Rolle der Zecken als Überträger von Krankheiten auf den Menschen. „Das Risiko einer Ansteckung ist dort hoch, wo viele Menschen draußen unterwegs sind und auf mit den Erregern befrachtete Zecken treffen“, schildert Amendt. Im nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler sich nun um die Weiterfinanzierung ihres Projekts bemühen. Es gilt zu klären, welche Tiere in Rhein-Main als Reservoir für Borrelien und andere Krankheitserreger dienen. Je mehr die Experten von den Wechselwirkungen verstehen, desto erfolgreicher können ihre Strategien zur Eindämmung von Krankheiten sein.

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