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Frankfurt-Sossenheim Radsport ist Tradition

Profi-Fahrer Markus Intra erklärt im FR-Interview, warum die Begeisterung für den Radsport im Frankfurter Stadtteil Sossenheim so groß ist und warum die Zahl der bekannten Sossenheimer Radprofis dennoch gesunken ist.

Markus Intra in seinem Laden in der Westerbachstraße. Foto: Christoph Boeckheler

Herr Intra, Sossenheim ist bekannt für seine vielen Radrennfahrer wie die Moos-Brüder, Kai Hundertmarck sowie Ihren Vater Theo Intra. Was denken Sie: Warum ist die Begeisterung für den Radsport in Sossenheim so groß?
Die Gebrüder Moos, die Veranstalter des Radrennens rund um den Finanzplatz, früher rund um den Henninger Turm, und mein Vater waren Schulkameraden. Nach dem Krieg hat mein Großvater den Radsportverein Sossenheim wieder neu gegründet. Und da es früher noch kein Internet und weitaus weniger Möglichkeiten gab, seine Freizeit zu gestalten, hatte der Sport im Verein im Ort noch einen viel höheren Stellenwert. Im Radsportverein Sossenheim, der in der Historie immer erfolgreiche Radrennfahrer hervorgebracht hat, ist man nicht nur gemeinsam Radrennen gefahren, sondern hat auch Feste zusammen gefeiert. So war der Radsport in den Sossenheimer Familien eine Tradition, die weitergegeben wurde.

Heute allerdings ist die Zahl der bekannten Sossenheimer Radprofis gesunken. Lässt das Interesse an diesem Sport nach Ihrer Auffassung nach?
Die Freizeit-Aktivitäten sind heute vielfältiger, es gibt viele Ablenkungen. Das betrifft allerdings alle Sportarten. Der Radsport ist international nach wie vor eine der populärsten Sportarten und in Deutschland die am häufigsten ausgeübte. Denn auch die Oma fährt Fahrrad und es fahren wieder viel mehr Leute mit dem Rad zur Arbeit oder zur Uni. Der Leistungssport allerdings hat zu kämpfen. Dennoch gibt es immer noch einen starken Nachwuchs in unserem Verein. Auch mein Sohn Felix gehört dazu. Er war erst letzte Woche mit der U-23-Nationalmannschaft in Rio de Janeiro zum Radrennen auf der Olympiastrecke.

Ihr Vater, Theo Intra, eröffnete nach Beendigung seiner Radsport-Karriere dieses Geschäft. Wie kam es dazu?
Gegründet haben das Geschäft eigentlich die Großväter von mir und meiner Frau. Mein Großvater, Josef Intra, arbeitete früher in der Fahrrad Produktion der Adler-Werke in Frankfurt, der Großvater meiner Frau, Hans Hundertmarck, war in der Opel Fahrradproduktion in Rüsselsheim tätig. Als die Geschäftsleitung sich dort für das Auto entschied, haben die beiden sich selbstständig gemacht und haben Intra-Fahrräder gebaut. Daraus ist während der Profi-Radsport-Karriere meines Vaters Theo der Fahrradladen entstanden. Eröffnet hat er 1956, mein Vater war von Anfang an beteiligt. Ab 1960 hat er sich in Vollzeit und voller Leidenschaft dem Geschäft gewidmet. Nach seinem Tod im Jahr 1981 habe ich das Geschäft übernommen und damit mein Hobby zum Beruf gemacht.

Heute bekommt man Zubehör für Räder im Supermarkt, Baumarkt und im Internet. Wie wirkt sich das auf die Situation Ihres Ladens aus?
Der Fahrradfachhandel hat nach wie vor einen Marktanteil von mehr als 60 Prozent, die Bau- und Supermärkte machen etwa 20 Prozent aus, das Internet hat in der Fahrradbranche lediglich einen Anteil von 10 Prozent. Das liegt einfach daran, dass ein Fahrrad aus rund 2000 Bauteilen besteht und wenn es nicht nur aussehen soll wie ein Fahrrad, sondern auch funktionieren soll, ist der Besuch eines Fachhandels nötig. Bei uns wird der Kunde zum Beispiel vermessen, damit er das optimale Rad bekommt. Wir haben dann für jeden Anspruch das richtige, von Kinderfahrrädern, über Alltagsräder, bis hin zu Rennrädern. So ist gewährleistet, dass ein Fahrrad nicht nur im Moment des Kaufes glücklich macht, weil es die richtige Farbe oder das neueste Design hat, sondern es macht auch bei der Nutzung glücklich. Wenn ein Kunde hingegen sein Rad im Internet kauft, kauft er sich oft viele Probleme und landet damit am Ende wieder da, wo er eigentlich nicht hin wollte: im Fachgeschäft. Daher ist es günstiger, sein Rad von vorneherein im Fachhandel zu kaufen.

Wie schätzen Sie die allgemeine Situation des Einzelhandels in Sossenheim ein?
Man muss es zweigeteilt sehen: Alle Betriebe, die mit einem Handwerk zu tun haben, wie Schlosser, Schreiner, Elektrik-Fachhändler oder eben auch Fahrradläden können nach wie vor gut existieren. Unsere Kunden für Alltagsfahrräder kommen aus einem Umkreis von bis zu 100 Kilometern, für sportliche Räder sogar aus einem Umkreis von 500 Kilometern. Betriebe, die allerdings nur Waren verkaufen, haben hier einen schweren Stand.

Einige Einwohner sprechen davon, Sossenheim bestehe aus zwei Parallelwelten – den Siedlungen als sozialer Brennpunkt und dem Ortskern mit alteingesessenen Sossenheimern. Stammt Ihre Kundschaft aus beiden Welten?
Ja, wir sind in der glücklichen Lage, dass unsere Kunden aus beiden Teilen Sossenheims kommen. Darüber freuen wir uns sehr. Ich denke, das kommt daher, dass wir Räder in allen Preisklassen haben, auch Profi-Räder. So schaffen wir es, allen Sossenheimern etwas anbieten zu können.

Wie eng ist Ihre Bindung zum Radsportverein Sossenheim?
Der Erste Vorsitzende, Charly Brech, ist ein guter Freund von mir, wir waren gemeinsam deutsche Mannschaftsmeister mit dem Radsportverein Sossenheim. Da der Radsport im Verein nach wie vor sehr gepflegt wird, ist er für uns sehr wichtig. Auch persönlich fühle ich mich dem Verein verbunden, unsere Familie nimmt an allen Veranstaltungen teil.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Vertreter des Radsports Ihrer Meinung nach heute und in der Zukunft?
Ein Verein lebt ja davon, dass die Mitglieder auch mitarbeiten. Leider ist die Bereitschaft, sich aktiv in einem Verein zu beteiligen, weniger geworden, da die Menschen ihren Nutzen auch an anderer Stelle erfüllt bekommen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Außerdem wird der Radsport wie alle anderen Sportarten auch von König Fußball erdrückt. Das führt zu Nachwuchsproblemen. Aber gerade in der heutigen schnelllebigen Welt bleibt eine Stunde Radfahren wie eine Stunde Mini-Urlaub, deshalb kann ich es jedem nur ans Herz legen.

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