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Frankfurt Sorgenvoller Blick auf Türkei-Wahl

Im Günes Theater in Frankfurt treffen sich Türkeistämmige, um den Wahlabend zu verfolgen. Sie vergleichen die Zahlen der Agenturen. Kaum jemand glaubt, dass es bei der Wahl mit rechten Dingen zugegangen ist.

Türken in Frankfurt
Türkei-Wahlparty im Günes-Theater in Frankfurt. Foto: Michael Schick

Als Zeliha Dikmen morgens aufstand, war sie noch optimistisch, dass es ein guter Tag werden würde. Wie viele Freunde und Bekannte war sie zuversichtlich, dass der bisherige türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abgewählt werden würde.

Die Frankfurter IT-Managerin hatte sich vorgenommen, tagsüber keine Nachrichten aus der Türkei zu verfolgen. Doch dann hielt sie es nicht aus, stöberte in den sozialen Netzwerken, schaute türkisches Fernsehen. Die Berichte über die vielen Ungereimtheiten und Rangeleien an den Urnen betrübten sie. Am Nachmittag lenkte sie sich mit Bügeln ab. 

Seit 18 Uhr sitzt Zeliha Dikmen mit Gleichgesinnten im Günes Theater in Frankfurt, der Spielstätte eines freien Ensembles. Die Blicke der rund 100 Frauen und Männer sind kurz vor 19 Uhr auf die Bühne gerichtet, dort wird aber – anders als sonst – weder gespielt noch gesungen. Heute Abend gibt es hier eine besondere Premiere: Auf einer Leinwand läuft via Internet die Wahlberichterstattung des türkischen Senders Fox, eine der wenigen Anstalten mit kritischer Haltung gegenüber der Regierungspartei AKP. 

Es ist laut im Saal. Alle reden kreuz und quer. Erst auf Bitten der Gastgeber wird es ruhiger, damit die Ergebnisse aus den ersten ausgezählten Wahlbezirken zu hören sind. In der Türkei werden bei der Wahlberichterstattung im Fernsehen neben der Hochrechnung bis zur Auszählung aller Urnen auch die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlkreisen verkündet.

Die nach und nach veröffentlichten Informationen sind nicht vielversprechend. Die Staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi (AA) meldet für Erdogan rund 60 Prozent der Stimmen. Die Stimmung im Saal ist im Keller. Etliche gehen raus, um zu rauchen und sich über die Ergebnisse auszutauschen. Viele blicken immer wieder auf ihre Handys, sie trauen den Zahlen von AA nicht.

Zeliha Dikmen bleibt im Saal. Sie hat sich ein Glas Rotwein bestellt. „Um runterzukommen“, erklärt die 52-Jährige. Sie vergleicht die offiziellen Zahlen mit denen, die die Plattform „gerechte Wahlen“ über soziale Netzwerke in Umlauf bringt. Um Wahlbetrug zu verhindern, hatte dieser Zusammenschluss Wahlhelfer dazu aufgerufen, die gezählten Stimmen an eine zentrale Stelle durchzugeben.

Die Zahlen weichen stark ab: AA meldet gegen 19.30 Uhr für Erdogan 58 Prozent und für Ince 27,54 Prozent der Stimmen: die Plattform „gerechte Wahlen“ hingegen 48,11 Prozent für Erdogan und 30,9 Prozent für Ince. 

Dass es mit rechten Dingen zugegangen ist, glaubt hier im Frankfurter Theater fast niemand. Im Laufe des Abends sinkt die Hoffnung auf einen neuen Präsidenten. Erfreulich für viele ist die Nachricht, dass zumindest nach vorläufigen Ergebnissen die linke HDP bei den Parlamentswahlen mit mehr als zehn Prozent die Hürde übersprungen hat und 65 von 600 Abgeordneten stellen wird. 

Der Saal leert sich, die ersten gehen heim. Zeliha Dikmen bleibt. Sie ist sehr angespannt und hofft bis zum Schluss, dass dieser Tag doch noch gut ausgehen wird.

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