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Frankfurt Schulverbote wegen Masern

In Frankfurt hat das Gesundheitsamt wegen Masern-Gefahr Schulverbote an einem Gymnasium ausgesprochen. Denn Masern sind hochansteckend und gefährlich.

Ein Pieks kann schützen. Foto: REUTERS

Die Liste war lang. Immerhin 85 Namen von Schülern standen zunächst darauf, deren Impfstatus bei Masern unklar war. Oder unzureichend. Aber wer vergangene Woche am Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Höchst keine zweimalige Impfung gegen Masern vorweisen konnte, für den hieß es erstmal: schulfrei. Anordnung vom Gesundheitsamt Frankfurt.

Das war eingeschaltet, weil bei zwei der 800 Schüler der Verdacht auf Masern bestand. Mitarbeiter des Amtes fuhren also nach Höchst und kontrollierten jeden Impfpass. Wer einen ungenügenden Schutz gegen die Infektionskrankheit hatte – keine oder nur eine einmalige Impfung –, dem rieten sie, sich beim Arzt unverzüglich impfen zu lassen. „Die meisten haben das getan“, sagt Schulleiterin Claudia Hemmling. Die durften auch wieder zur Schule kommen. „Es gab nur ein paar wenige Ausnahmen, die sich nicht impfen lassen wollten.“ Und die sind nun noch bis Freitag vom Schulbesuch ausgeschlossen.

Denn Masern sind eine der ansteckendsten Krankheiten, die es gibt. Das sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts in Berlin, an das die Ständige Impfkommission angegliedert ist. „Das ist wie eine Fackel in einem Heuschober. Da ist nicht die Frage, ob es brennen wird – da geht es nur darum, wo es anfängt zu brennen.“ Masern seien so ansteckend, da würde es reichen, mit einem Infizierten gemeinsam im Bus zu fahren. „Hinterher hat es jeder, der drinsaß“, sagt Glasmacher. Und – das ist nicht bei jeder Krankheit so – fast alle, die sich infizierten, würden auch erkranken.

Um die Ausbreitung zu verhindern, hat das Gesundheitsamt Frankfurt daher das Schulverbot für alle mit unvollständigem Schutz ausgestellt. Das galt auch für Lehrer. 16 konnten daher zunächst nicht unterrichten. Das sei dann schon ein Problem gewesen, sagt Hemmling. „Da musste dann auch Unterricht ausfallen.“ Doch auch die Lehrer ließen sich flugs impfen – vier sind es inzwischen noch, die ein vorübergehendes Schulbesuchsverbot vom Gesundheitsamt erhalten haben. Darunter Schwangere, die nicht geimpft werden dürfen.

Auch wenn Masern als Kinderkrankheit bezeichnet werden, harmlos sind sie ganz und gar nicht. „Ein Viertel bis ein Drittel der Fälle landet im Krankenhaus“, sagt Glasmacher. „Und da geht man ja nicht hin, weil es da besonders schön ist.“ Zudem können Masern zu Mittelohr- und Lungenentzündungen führen. „Das Immunsystem ist über mehrere Wochen geschwächt“, sagt Glasmacher. Deswegen komme es oft zu solchen Folgekomplikationen. „Und diese Immunschwäche wirkt fort, haben Studien festgestellt“, sagt sie. „Wer Masern hatte, hat über Jahre ein erhöhtes Risiko für bestimmte andere Krankheiten.“

Besonders gefürchtet ist bei einer Masernerkrankung die Gehirnentzündung. Sie kann tödlich verlaufen. Vor allem die Form, die erst einige Jahre später auftritt. „Da entwickeln sich die geistigen Fähigkeiten zurück, und es gibt keine Rettung“, sagt Udo Götsch, Infektiologe am Frankfurter Gesundheitsamt. „Da ist jeder Einzelfall grauenvoll.“ Nach einer Maserninfektion tragen vor allem Kleinkinder ein hohes Risiko, noch Jahre später an einer tödlichen Gehirnentzündung zu erkranken.

Ab elf Monaten empfiehlt die Ständige Impfkommission, gegen Masern zu impfen. Geschützt können Säuglinge davor dennoch sein: Wenn alle um sie herum geimpft sind. Von einer flächendeckenden Impfung profitieren nicht nur Babys, auch andere Menschen, die nicht geimpft werden können. Die etwa eine Immunschwäche haben. „Herdenimmunität“, nennt das Götsch. Und im Hinblick auf Menschen, die sich bewusst gegen das Impfen entscheiden, sagt er: „Impfen ist auch ein Akt der Solidarität.“ Wer sich nicht impfen lasse, der genieße den Herdenschutz, ohne etwas beizutragen. „Diese Leute nehmen in Kauf, dass das eigene Kind die Krankheit schon durchsteht, andere aber einen schweren Verlauf haben können.“

Mit dem Herdenschutz ist es in Deutschland aber noch nicht so weit her. Bei der Masernelimination gehöre es zu den Schlusslichtern in Europa, sagt Glasmacher. Eine Herdenimmunität sei ab einer Impfrate von 95 Prozent in der Bevölkerung gegeben. Diese Rate kann auch in Frankfurt nicht erfüllt werden. Bei den jüngeren Kindern habe man ganz gute Impfquoten, sagt Götsch. Mehr als 90 Prozent seien zweimal geimpft. Bei anderen Bevölkerungsgruppen sehe es aber weniger gut aus.

Da geht es besonders um die Menschen, die zwischen 1973 und 1991 geboren sind. Eine Problemgruppe. Glasmacher wundert es nicht, dass gerade an einem Oberstufengymnasium Masern aufgetreten und Lehrer ungenügend geimpft sind. „Das ist genau die Gruppe, in der es große Impflücken gibt.“ Mehr als 40 Prozent hätten gar keinen Schutz, der Rest einen ungenügenden. Denn als die Impfung 1973 eingeführt worden sei, wurde – wenn überhaupt – nur einmal geimpft, ab den 90ern dann schließlich zweimal. „Wenn wir diese Gruppe einmal durchimpfen könnten, dann wären wir sorgenfreier“, sagt Glasmacher. Deshalb appelliert sie an die Ungeimpften: Wer seinen Impfausweis nicht finde oder seinen Impfstatus nicht kenne, solle sich beim Arzt impfen lassen. „Überimpfen kann man nicht.“

Am Friedrich-Dessauer-Gymnasium sind nun bis Ende der Woche noch einige Schüler und Lehrer vom Unterricht ausgeschlossen. Danach dürfen alle wieder kommen. Geimpft oder ungeimpft. „Wenn“, sagt Götsch, „es in der Folgezeit keine weiteren Masernfälle geben wird“.

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