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Frankfurt-Sachsenhausen Von der Villa Speyer zur Villa Kennedy

Stadtteilhistoriker Dieter Wesp erforscht die Geschichte der Villa Kennedy in der Kennedyallee. Sie gehörte einst der jüdischen Bankiersfamilie Beit von Speyer, die von den Nationalsozialisten enteignet wurde.

Von außen sieht das Gebäude aus wie ein Schloss. Foto: Christoph Boeckheler

Die Villa Kennedy, an der autoreichen Kennedyallee Richtung Waldstadion gelegen, kennen viele vor allem als Luxusherberge. Dass das 1901 im Gotik- und Renaissance-Stil erbaute Gebäude sehr viel mehr als ein edles Hotel ist und eine bewegte Geschichte vorweisen kann, hat Stadtteilhistoriker Dieter Wesp näher beleuchtet. Als ehrenamtlicher Stipendiat der Polytechnischen Stiftung hat er den Wandel des Hauses erforscht. Denn bevor das Gebäude ein Hotel und biophysisches Forschungslabor war, gehörte es der jüdischen Bankiersfamilie Beit von Speyer, die darin wohnte. „Es eignet sich als Exempel, um die letzten 120 Jahre zu erzählen“, so Wesp.

Wie ein kleines Schloss thront die Villa in edler Nachbarschaft weiterer prächtiger Bauten im westlichen Teil Sachsenhausens. Das war nicht immer so. Anfang des 20. Jahrhunderts stand das herrschaftliche Landhaus an der damaligen Forsthausstraße noch allein auf weiter Flur.

Erst nach und nach wurden dort weitere Anwesen, wie die Villa Mumm, gebaut. Hausherr Eduard Beit von Speyer, der laut Wesp als „viertreichster Frankfurter“ gegolten habe, ließ die „Villa Speyer“, wie sie früher hieß, vom damaligen „Star-Architekten“ Alfred Günther errichten.

Dieter Wesp, der in der Gartenstraße in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt, nennt den Ortsteil rund um das ehemalige Anwesen der Beit von Speyers das „unbekannte Westend Sachsenhausens“. Als qualifizierter Stadtführer möchte der 62-Jährige das Viertel historisch erschließen und herausfinden, „welche Geschichten die Häuser erzählen“.

Auf die Villa Kennedy stieß er vor rund vier Jahren, als eine Schulklasse eine Stadtführung zum Thema Erster Weltkrieg bei ihm anfragte. „Bei der Recherche für diese Führung fand ich heraus, dass im Ersten Weltkrieg viele Luftangriffe auf Frankfurt geflogen wurden und die Stadt ein großes Lazarett gewesen war.“ Auch Teile der Villa Speyer dienten damals als Militärhospital. Wieso das so war, fragte sich Wesp und fand heraus, dass der älteste Sohn der Familie 1914 an der Westfront gefallen war. Deshalb habe die Familie nach dem Tod des Sohnes Teile ihres Hauses zur Versorgung von Kriegsverwundeten geöffnet.

Nachdem der Vater 1933 gestorben war – die Mutter Lucie Beit lebte bereits seit 1918 nicht mehr – erbten die drei verbliebenen Kinder das Landhaus mit dem großen Grundstück. „Doch die Stadt unter Nazi-Oberbürgermeister Krebs presste es ihnen für 137.000 Reichsmark ab“, berichtet Wesp. Wert gewesen sei es mindestens das Doppelte, vielleicht sogar das Drei- bis Vierfache. Krebs ließ in der „arisierten“ Villa das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik“ einrichten, das von Boris Rajewski, einem „strammen Nationalsozialisten“, wie es Wesp formuliert, über die Zeit des Zweiten Weltkrieges hinaus geleitet wurde. Ab 1948 hieß es „Max-Planck-Institut für Biophysik“.

Als die naturwissenschaftlichen Fachbereiche der Goethe-Uni Anfang des 21. Jahrhunderts an den Riedberg zogen, wurde auch das Max-Planck-Institut dorthin verlegt. 2003 verkaufte die Stadt das Gelände für 13 Millionen Euro an einen Investor, der das Haus durch einen Neubau im „historisierenden Stil“ ergänzte und an eine Hotelkette verpachtete, die dort seit 2006 ein nobles Gasthaus betreibt. Die Erben der Villa, die vor den Nationalsozialisten in die USA emigriert waren, hätten als Wiedergutmachung nach dem Zweiten Weltkrieg von der Kommune lediglich 150.000 DM bekommen, so Wesp. Er will nun eine Liste des Instituts für Stadtgeschichte veröffentlichen, auf der neben der Villa Speyer weitere Immobilien eingetragen sind, deren Besitzer von den Nationalsozialisten enteignet worden waren.

Im Sommer plant Wesp einen Vortrag rund um die Sachsenhäuser Villa im Institut für Stadtgeschichte. Erste Einblicke in seine Forschung gibt es aber bereits am 21. Februar bei einer kostenlosen Führung im Rahmen des „Gästeführertages“ unter dem Titel „Das unbekannte Sachsenhäuser Westend“. Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Ecke Stresemannallee/ Paul-Ehrlich-Straße. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Spenden, die an das „Flüchtlingscafé Milena“ in Bockenheim fließen sollen, sind erwünscht.

Weitere Informationen gibt es bei Dieter Wesp unter Telefon 25 05 93 oder im Internet nachzulesen unter www.frankfurter-gaestefuehrer.de

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