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Frankfurt-Sachsenhausen Tanzen auf der Reitbahn

Das Hippodrom im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen war Heimat des Pferdesports aber auch Ort für Feste. Im Zweiten Weltkrieg wurde es von Bomben getroffen und 1956 abgerissen. Doch noch heute erinnern sich Menschen an die einst größte öffentliche Reitbahn Deutschlands.

Das Hippodrom war eine gigantische Reithalle an der heutigen Stresemann-/Ecke Kennedyallee. Foto: Christoph Boeckheler

Einst stolzierten dort edle Rösser, Bürger feierten Bälle und Turnfeste. 95 Meter lang und 25 Meter hoch war es – das Hippodrom. Zu sehen ist davon heute nichts mehr. Manch einer erinnert sich aber noch an das 1899 eröffnete pompöse Gebäude an der Ecke Wilhelmstraße und Forsthausstraße, heute Stresemann- und Kennedyallee.

Margot Arndt (89) zum Beispiel hat dort getanzt. „Anfang des Krieges war ich im Hippodrom.“ Mit 18 oder 19 Jahren. Hier habe man gezeigt, was man in der Tanzstunde gelernt hat. „Ich glaube, es hat ein Orchester gespielt und es war gut besucht.“ Die Trambahnhaltestelle Gartenstraße/ Stresemannallee habe damals auch Hippodrom geheißen.

Eigentümerin war die Hippodrom AG, eine von Frankfurter Sportfreunden gegründete „Gesellschaft zur Förderung des Reitsports“. Mit 50 mal 25 Metern galt die Halle als größte öffentliche Reitbahn Deutschlands. Auf zwei Geschossen konnten die Zuschauer auf 1400 Sitz- und 1500 Stehplätzen das Geschehen verfolgen. Vor dem ersten Weltkrieg waren Reiterfeste die Hauptattraktion. Auch die Wettkämpfe des Renn-Klubs Frankfurt waren beliebt. Die Hautevolee aus ganz Deutschland kam zusammen, natürlich auch die angesehenen Frankfurter Familien, wie die von Weinbergs oder von Metzlers.

Die Firma Philipp Holzmann hat das riesige Objekt erbaut. Kernstück auf dem 11.500 Quadratmeter großen Gelände bildete die Reithalle. Im Erdgeschoss lagen Ställe für etwa 130 Pferde. Aufzüge, später Rampen, führten in den ersten Stock zur Reitbahn.

Die Initiatoren waren sich im Klaren darüber, dass ein ausschließlich dem Reitsport gewidmetes Gebäude nicht rentabel ist – und planten eine vielseitige Verwendung. So erhielt die Rennbahn einen mobilen Bodenbelag. Innerhalb von dreißig Minuten ließ sie sich in einen Parkettboden verwandeln. Dann fanden auf der Bestuhlung 2500 Menschen Platz.

Versammlungsort der Nazis

In den 20er Jahren war die Zeit der großen Reiterfeste vorbei, die Halle war aber keineswegs verwaist. Viele andere Veranstaltungen gingen dort über die Bühne – und Pferde gab es nach wie vor reichlich. Reiten war Volkssport geworden, wovon auch das Hippodrom profitierte. Die Frankfurter nahmen dort ihre ersten Reitstunden oder führten die Tiere aus. Die Sachsenhäuserin Gertrud Bardorff (84) erinnert sich: „Ich weiß noch, dass mein Vater sich dort öfter ein Pferd auslieh.“ Vom Hippodrom aus unternahmen er und andere über die Forsthausstraße Ausflüge in den Stadtwald.

Während des ersten Weltkriegs diente das Hippodrom als Lazarett. Fotos um das Jahr 1915 des Instituts für Stadtgeschichte zeigen uniformierte Soldaten an langen Tischreihen, im Hintergrund stehen Schwestern des Roten Kreuzes in weißen Kitteln. Auf einem Foto von 1921 sind hunderte Turner, in Reih und Glied aufgestellt. Die Zuschauerränge hinter ihnen sind voll besetzt. Auch Fechter der Frankfurter Turngemeinde traten auf.

Die Nationalsozialisten nutzten das Hippodrom als Versammlungsort. Auch dazu hat das Institut für Stadtgeschichte über Bilder. Eines, vermutlich von 1932, zeigt den vollbesetzten Saal mit Hakenkreuzfahnen und Adlern behängt. 1934 versammelte sich die Frankfurter Hitlerjugend.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Hippodrom von Bomben getroffen. Die Menschen feierten allerdings auch nach dem Krieg weiter Tanzfeste auf dem Areal, erzählt Gertrud Bardorff. „Eine Band hat tolle Swingmusik gespielt.“ Nachmittags, wegen der Sperrstunde. Alkoholische Getränke gab es nicht. Bardorff hatte eine Flasche Wein mitgebracht. Dafür musste man Korkengeld bezahlen und bekam Gläser. „Ich weiß noch, dass mein Freund an einem Abend der Blumenfrau alle Blumen für mich abgekauft hat.“

Die einsturzgefährdeten Überreste des Hippodroms wurden 1956 entfernt. An ihrer Stelle entstand – ganz unglamourös – das Verwaltungsgebäude des Zentralverbands Elektrotechnik und -industrie. Heute steht dort das chinesische Konsulat.

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