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Frankfurt-Rödelheim Auffällig verspielt

Er ist das Wahrzeichen von Rödelheim: der 51 Meter hohe Wasserturm. 1899/1900 erbaut, war der Turm allerdings nur zehn Jahre in Betrieb. Heute beherbergt er ein Architekturbüro.

380 Kubikmeter Wasser fasste der Behälter in luftiger Höhe. Foto: hgv

Er ist das Wahrzeichen von Rödelheim: der Wasserturm. Wer auf der A 66 in Richtung Innenstadt fährt, erblickt ihn kurz hinter dem Nordwestkreuz. „Wenn ich ihn sehe, weiß ich, dass ich bald daheim bin“, sagt Jochem Anders vom Heimat- und Geschichtsverein (HGV).

Gut 51 Meter schraubt sich der gelb angestrichene Turm in die Höhe. Prägnant ist der mit schwarzem Schiefer verkleidete Behälter, in dem von weithin sichtbar Fenster zu erkennen sind und den ein filigranes Türmchen samt Wetterfahne krönt. 380 Kubikmeter Wasser fasst der Behälter. Gerade noch so überragt der Wasserturm die Bürogebäude, die ihn umgeben.

Als das schöne Beispiel der Ingenieurbaukunst Ende des 19. Jahrhunderts entstand, war dort nur grüne Wiese und das Pumpwerk. Zu diesem Zeitpunkt wurden eine Reihe von Türmen gebaut, um die anwachsende Bevölkerung mit Wasser zu versorgen. So auch in Rödelheim, das damals noch ein eigenständig war. Lebten im Jahr 1871 3108 Menschen in Rödelheim, so waren es 39 Jahre später 10 767, berichtet Jochem Anders.

Rödelheim erlebt Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Industrie expandiert in dem Gebiet. 1896 gründen beispielsweise die Rödelheimer Bürger Peter und Heinrich Weill die Torpedowerke. Es entstehen 2000 Arbeitsplätze. Zudem siedelt sich um die Jahrhundertwende die Deutsche Vereinigte Schuhmaschinen-Gesellschaft in der Westerbachstraße an. Die Merz-Werke verlegen 1905 ihren Firmensitz von Bockenheim an die Eschborner Landstraße. Die Angestellten all dieser Betriebe brauchen ein Dach über dem Kopf, und das möglichst nah zur Arbeitsstätte. Also, wird eifrig gebaut in Rödelheim. Prägten bis dahin eher ein- bis zweigeschossige Gebäude das Städtchen, so wachsen die Wohnhäuser immer mehr in die Höhe, berichtet der Heimathistoriker. Vor allem rund um die Niddagau- und die Reifenberger Straße entstehen in der Gründerzeit eine Vielzahl von drei- bis viergeschossiger Häuser.

Nur bis 1910 in Betrieb

Zeitgleich wurde in den Städten zunehmend bei der Wasserversorgung von den Hausbrunnen auf Rohrnetze umgestellt, die das Frischwasser in die Wohnungen leiteten. „Damit aber oben nicht nur ein Rinnsal aus dem Hahn rauskam, brauchte man ordentlich Wasserdruck“, erläutert Anders. Damit der Wasserdruck in den oberen Etagen ausreichend war, musste das Wasser höher als die obersten Wohnungen gespeichert werden. Dazu wurden Hochbehälter gebaut und das Wasser in die Leitungen gepumpt. So auch in Rödelheim mit dem 1899/1900 errichteten Wasserturm.

Im Archiv des HGV findet sich eine Aufzeichnung darüber, wieso 1888 die Wahl auf den letztendlich realisierten Entwurf für den Wasserturm fiel. So schreibt Stadtteilhistoriker Hermann Jeschke in dem Beitrag, der in die Chronik zur 1200-Jahr-Feier Rödelheims erschienen ist, dass die Stadtverwaltung aus mehreren Entwurfs-Zeichnungen drei Vorschläge in die engere Wahl gezogen hatte.

Ein der Baukommission angehörender Stadtverordneter nahm die Angebote mit nach Hause, konnte sich aber für keines entscheiden. Seine kleine Tochter soll die Zeichnungen auf dem Tisch gesehen haben. Und als ihr Papa sie fragte, welcher Turm ihr am besten gefiele, deutete das Mädchen auf die Zeichnung mit dem spitzen Turm. Und so plädierte ihr Papa in der entscheidenden Sitzung des Magistrats für diesen Entwurf.

So kam Rödelheim zu seinem auffällig verspielten und schönen Wasserturm. Allerdings war das Bauwerk nur zehn Jahre bis 1910 bis zur Eingemeindung nach Frankfurt in Betrieb. Dann wurde Rödelheim an das Frankfurter Wassernetz angeschlossen. Heute beherbergt der Turm ein Architekturbüro.

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