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Frankfurt Revolutionäre Zellen Suder Gauger So schön war’s im heißen Herbst

Vor dem Frankfurter Landgericht beginnt am 21. September der Terror-Prozess gegen Sonja Suder und Christian Gauger - mit ungefähr 35 Jahren Verspätung. Der erste Verhandlungstag stellt sich als eine Art anarchistischer Zirkus dar, inszeniert von einer spontanen Spaßguerilla.

Christian Gauger erscheint vor Gericht. Freunde und Unterstützer winken und jubeln. Foto: Reuters

Das Happening ist vom Landgericht lausig organisiert, aber der Stimmung tut das keinen Abbruch. Vor dem Zuschauereingang von Saal II stauen sich die Menschen, drinnen schwindet die Anzahl der Plätze, aber draußen vor der Tür lassen Aktivisten Luftballons steigen, lassen laut deutschen HipHop laufen, fordern auf Transparenten Freiheit für die Angeklagten und geben den Journalisten in der Schlange Interviews.

Sie bewundere die Angeklagten, sagt ein junges Mädchen einem Radioreporter. Die hätten noch den Schneid gehabt, proaktiv für ihre Ideale einzutreten.

So kann man’s auch nennen. Vor dem Landgericht stehen Sonja Suder, 79, und Christian Gauger, 71 Jahre alt, zwei ehemalige mutmaßliche Mitglieder der „Revolutionären Zellen“. Und also feiert die militante Linke an diesem Montag eines ihrer selten gewordenen Hochämter.

Das beginnt mit dem Einmarsch der Angeklagten. Gauger, derzeit auf freiem Fuß, betritt den Gerichtssaal kurz nach 9 Uhr. Die Zuhörer reißt es von den Sitzen, sie applaudieren, stimmen Indianergeheul an. Gauger trägt Hut und Sonnenbrille, das schüttere ergraute Haar hat er mit einem Pferdeschwanz gebändigt, er winkt seinen Fans huldvoll zu – ein wenig erinnert der Auftritt an den späten Michael Jackson.

Sonja Suder kommt ein paar Minuten später, sie sitzt derzeit in Haft und wird durch den Hintereingang hineingeführt. Auch hier gibt es stehenden Applaus für die Mater Dolorosa der Bewegung. Suder hat sich ähnlich maskiert wie ihr Lebensgefährte Gauger, sie wirft ihren Anhängern Kusshändchen zu. Die enthusiasmierten Zuschauer, die der Auftritt der beiden vom Hocker gerissen hat, setzen sich erst wieder, als das Gericht den Saal betritt. Und verstehen das mit Sicherheit als emanzipatorischen Akt zivilen Ungehorsams.

Es ist ein dankbares Publikum, das sich zum ersten Verhandlungstag eingefunden hat. Muss es auch, denn außer zwei Befangenheitsanträgen seitens der Verteidigung gegen das Gericht wird heute nichts geboten werden. Dafür werden selbst diese Befangenheitsanträge nach Vortrag dankbar beklatscht.

Vielleicht wird aber nicht der Vortrag bejubelt, sondern der Tenor. So sagt etwa ein Anwalt, die Bombe, die den möglichen Zeugen Hermann Feiling beide Beine und beide Augen gekostet hatte, sei dafür gedacht gewesen, um „vor der Botschaft des damaligen Folterstaates Argentinien gegen diese Zustände zu demonstrieren“.

Falsch gepfiffen

Demonstrationen mit Bomben aber sind an diesem Tag schwierig, die Sicherheitskontrollen am Eingang verhindern dies. Was sie nicht verhindern können, sind die Sangesdarbietungen, die jede Verhandlungspause im Zuschauerraum zu einem ganz besonderen Erlebnis werden lassen. Mal wird die „Internationale“ dermaßen falsch gepfiffen, dass dafür eigentlich drei Jahre Gulag fällig wären, mal steigert sich ein anfangs eher müde vorgetragenes „Bella ciao“ gegen Ende zu einem solch mitreißenden Crescendo, dass sogar Suder und Gauger von ihren Sitzen aufstehen, mitsingen und am Ende den Chor dirigieren.

Zugabe!

Allerdings nicht ewig, denn erstens kommt irgendwann das beratende Gericht auch wieder rein und alle müssen sich aus Protest setzen, und zweitens ist Christian Gauger nach einem Herzstillstand so krank, dass jeder Verhandlungstag nur zweimal 90 Minuten dauern darf. Auf die strikte Einhaltung dieser Zeiten pocht die Verteidigung mit solcher Vehemenz, dass sie sogar ihre eigenen Befangenheitsanträge für die Halbzeitpause mitten im Satz unterbricht.

Am Ende des ersten Verhandlungstages hat es das Gericht nicht einmal geschafft, die Personalien festzustellen geschweige denn die Anklage zu verlesen. Das Publikum hat es dennoch genossen. Die Sympathisanten – darunter einige Zeitgenossen, aber auch erstaunlich viele junge Leute – verlassen das Gericht mit glänzenden Augen. Es wird noch viele Zugaben geben.

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