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Frankfurt Rendezvous im Wintergarten

Wenn Wolfgang Lummer sein Fenster in Sachsenhausen öffnet, hat er regelmäßig Besuch der flatterhaften Art – und viele Geschichten zu erzählen.

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern: badende Sperlinge vor Lummers Haus.

Als Wolfgang Lummer ein kleiner Bub war, hat ihm die Patentante ein Bild geschenkt, auf dem ein Buchfink zu sehen war. Fortan wollte er immer, dass seine Mutter draußen beim Spazierengehen die Buchfinken für ihn findet. Also sprach die Frau Mama: Da – ein Buchfink! Worauf der Herr Sohn sich wunderte, der sehe ja wohl aus wie ein Spatz, der Buchfink. Und die vogelkundlich erfahrene Mutter erklärte: Dies sei ein Weibchen. Der passende Mann dazu sei rötlich. „Das hat mich lang beschäftigt“, sagt Wolfgang Lummer heute, eine Reihe von Jahrzehnten später. „Daher vielleicht mein Interesse an der Welt der Vögel, mein Bezug zur Natur.“

Da sieht man mal wieder, wie hilfreich es ist, wenn die Eltern dem Nachwuchs einen Einstieg ins Grüne liefern. Aber nicht jeder wird danach gleich Tierpfleger im Zoo so wie Lummer, schreibt Bücher darüber und hat immer wieder mal interessante Blicke auf die flatternde Nachbarschaft zu bieten.

Vier Vogelhäuschen unterhält der Sachsenhäuser hinter dem Haus, eines davor. Zufriedene Bewohner sind unter anderem Hausrotschwänzchen, die seit fünf Jahren regelmäßig zum Brüten kommen. Sind die gern in der Nähe des Menschen? „Ja, aber mehr noch die Rotkehlchen. Die gucken sogar beim Umgraben zu.“ Wenn der Mensch freundlicherweise einen Acker umpflügt, damit der Vogel was Nahrhaftes findet. Aber der eigentliche Ort des beiderseitigen Interesses ist der Wintergarten der Lummerschen Mietwohnung. Da treffen sich Meise, Fink, Sperling und Co. mit dem Gastgeber zu Fototerminen. Oft finden sie da auch Futter und ein Schälchen mit Wasser und goutieren durchaus die Kunstcollagen des Meisters. Die wuschelköpfigen Schutzengel aus allerlei Fundmaterial. Oder den brüllenden Löwen, gebaut aus einer alten Schleifscheibe, die im Raubtierhaus des Zoos einst ihren Dienst tat. Der Rotschwanz, der sich auf dem Löwen niedergelassen hat – der tut doch eindeutig so, als sei er eine gefääährrrliche Großkatze.

„Die Krähen kommen schon um 5 Uhr ans Fenster“, sagt Wolfgang Lummer. Zum Frühstück. „Die finden hier sonst nicht mehr viel.“ Die Stadt verdichtet sich, die Tiere müssen sehen, wo sie bleiben. Erstaunlich, dass überhaupt noch so viel fleucht und wieselt in dieser Gegend. Ein Marder deponiert seine Nahrungsvorräte im Motorraum von Lummers Auto – und frisst den Vögeln ihr Gelege weg. Sogar in fünf Metern Höhe.

Die Krähen sind deshalb vorsichtig. Ihr bärtiger Freund schwärmt von ihren Fähigkeiten als Nussknacker. Wie sie die Nüsse auf die Straße werfen, sogar auf stark befahrene Kreuzungen. Aber sie sind umgezogen mit ihren Nestern, nach drüben, an die Textorstraße, auch wenn es da viel lauter ist. Die Sicherheit zählt.

Der Grünspecht kommt oft, der Buntspecht auch. Ein Fuchs wurde schon gesichtet an der S-Bahnstrecke zwischen Süd- und Lokalbahnhof. Mauersegler und kleine Fledermäuse sind auf Nahrungssuche an den Häuserwänden. Aber es wird weniger. Die Kraniche auf dem Südflug nähmen eine andere Route, seit der Neubau der Europäischen Zentralbank stehe, hat Lummer beobachtet. Die Falken, die am alten Henninger-Turm wohnten, die man immer dabei beobachten konnte, wie sie ihre Jungen ausbildeten, indem sie Futterstücke aus großer Höhe fallen und vom Nachwuchs in der Luft auffangen ließen – sie haben sich noch nicht mit dem Ausweichquartier am Nachbarhochhaus angefreundet, soweit Lummer es mit dem Fernglas beurteilen kann.

Aber der Rotschwanz und die Meisen, die kommen noch, sogar hinein in den Wintergarten. Dann sitzt der Sachsenhäuser mit der Kamera auf dem Sofa. „Ich muss nur aufpassen, dass sie nicht hinter die Fensterscheiben geraten“, sagt er. Früher, als er sich in der Fasanerie um die Wisente kümmerte, war er mit einem Rotkehlchen gut befreundet. Es fraß ihm das Futter aus der Hand. „Ich habe mit der Zunge geschnalzt, und das Rotkehlchen war da.“

Im Juli wird Wolfgang Lummer 80 Jahre alt. Es wäre kein Wunder, wenn viele gefiederte Geburtstagsgäste kämen.

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