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Frankfurt-Nordend Sie war eine Mitschülerin

Das „Projekt Jüdisches Leben“ führt Schüler und Nachfahren auf Spurensuche. Einer von ihnen ist Rolf Stürm. Er erzählt Schülern der Elisabethenschule, wie seine Mutter von den Nationalsozialisten von der Schule vertrieben wurde.

Rolf Stürm berichtet Schülern von der Vertreibung seiner Mutter. Foto: Andreas Arnold

„In die Elisabethenschule gehe ich jetzt auch nicht mehr, sondern in eine Privatschule“, schreibt die 14-jährige Lotte Vogel in ihr Tagebuch.

Am 5. Mai 1935 ist das. 80 Jahre und 25 Tage später erschallt der Satz wieder, in der Elisabethenschule, in einem kleinen, mit Schülern voll gepackten, stickigen Klassenraum, aus dem Mund eines Mannes, der eigentlich so gar keine Verbindung mit Frankfurt zu haben scheint, sich sogar glücklich als hundertprozentiger Schweizer bezeichnet und das auch stimmlich hören lässt: Der Mann heißt Rolf Stürm, ist 65 Jahre alt. Auf dem Tisch vor ihm liegen ein paar Blätter Papier. Es sind Kopien des Tagebuches seiner Mutter Lotte Vogel.

1921 wird sie in Frankfurt geboren, wächst in dieser Stadt am Main auf, ganz normal, besucht bald schon die Elisabethenschule in der Vogtstraße. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten aber verändert sich das Leben des jungen Mädchens, seine Familie ist jüdisch, gehört der Westend-Synagoge an.

Über das „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main“ hat Rolf Stürm den Weg in die Elisabethenschule gefunden. Seit 1980 schon lädt die Stadt Frankfurt ehemalige Bewohner, die durch die Nationalsozialisten verfolgt und vertrieben wurden, ein, ihre alte Heimat wieder zu besuchen. Seit 2012 nun auch die zweite Generation, die Söhne, Töchter, Enkel und Verwandte.

Die Elisabethenschule wiederum bemüht sich im Rahmen ihres Geschichtsunterrichts um Zeitzeugen, „da hat sich das mit Herrn Stürm einfach ergeben“, freut sich Stefan Neureiter, Schulleiter der Einrichtung.

Flucht in die Schweiz

Über das Leben seiner Mutter an der Elisabethenschule weiß Rolf Stürm nicht mehr, als diesen einen Satz, den er zu Beginn vorliest, nicht mehr, als dass seine Mutter der Schule verwiesen wurde, ihres Glaubens wegen. „Das Thema war bei uns Tabu“, sagt der Schweizer. Er erzählt von der Flucht in die Schweiz im Spätsommer 1936, das neue Leben, das Lotte Vogel dort beginnt – und darüber, dass seine Mutter immer nur sagte, sie hasse die Schule und das Lernen. Vielleicht ein Trauma aus ihrem persönlichen Schicksal.

Für die Schüler ist das eine andere Erfahrung, „das hier mal subjektiv geschildert zu bekommen und nicht immer objektiv, wie oft im Unterricht“, sagt die 15-jährige Julia. Luca, ihr Mitschüler, findet zwar nicht, dass das Gesagte unbedingt ganz Neues offenbare, „aber es ist schon sehr wichtig, darüber zu reden und informiert zu werden.“ Denn eigentlich war Lotte Vogel eine ganz gewöhnliche Elisabethenschülerin – eine Mitschülerin.

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