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Frankfurt liest ein Buch Wo Georg Heislers Flucht begann

Das Konzentrationslager Osthofen diente Anna Seghers als Vorlage für ihren Roman „Das siebte Kreuz“ dem sich das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ widmet.

Blick über den einstigen Appellplatz des KZ Osthofen - in Seghers Roman warten hier sieben Folterkreuze auf die aus dem Lager Entflohenen. Foto: unknown

„Früher war hier solcher Unfug nie gewesen. Daß sie einem grade das KZ vor die Nase pflanzen mußten.“

(aus Anna Seghers, „Das siebte Kreuz“)

Den Backsteinbau kann man schon vom Zug aus sehen. Unweit des Bahnhofs im rheinland-pfälzischen Örtchen Osthofen, direkt an der Bahnstrecke, die von Mainz nach Mannheim die rheinhessische Landschaft durchkreuzt, liegt das frühere Konzentrationslager Osthofen. Schulklassen strömen wochentags unter dem Treppengiebel hindurch in die Gedenkstätte. Dass hier von 1933 bis 1934 der NS-Staat eines der ersten Konzentrationslager im Bundesgebiet unterhielt, das erste im damaligen Volksstaat Hessen, erkennt man aber nicht auf den ersten Blick.

Hinter den Mauern, die das Gelände eingrenzen, sind Wohnhäuser in die Höhe gewachsen. Schmetterlinge schaukeln über die Wiese, auf der einst jüdische Häftlinge mit ihrem Essgeschirr die stinkenden Latrinen leeren mussten. Tritt man aus der warmen Frühlingssonne in die leere Halle, in der damals Hunderte Menschen schliefen, fröstelt es einen sofort. Die Doppelstockbetten, die die Häftlinge sich selbst zimmerten, um nicht mehr auf dem mit Stroh bestreuten Boden der eiskalten Fabrikhalle liegen zu müssen, sind gewichen, als hier zwei Jahre nach Auflösung des Lagers ab 1936 für 40 Jahre eine Möbelfabrik produzierte. Ihr Firmenname verblasst an der Fassade, über der einst die Hakenkreuzfahne wehte.

An diesem Ort, an dem die Nationalsozialisten 1933 und 1934 mindestens 3000 Menschen in „Schutzhaft“ nahmen – vor allem politische Gegner aus Gewerkschaften und linken Parteien, KPD und SPD, aber auch Juden, Zeugen Jehovas, Sinti und andere – lässt die Schriftstellerin Anna Seghers die Fluchtgeschichte im Roman „Das siebte Kreuz“ ihren Ausgang nehmen, das diesen April im Fokus des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“ steht. 

„Westhofen“ nennt Seghers das fiktive Lager nach einem realen Nachbarort. „Aber das Lager, das sie beschreibt, ist eigentlich eher eines des späteren Typs ab 1936“, sagt Angelika Arenz-Morch, die das Archiv des NS-Dokumentationszentrums Rheinland-Pfalz in Osthofen leitet. Die Geschichte einer Flucht aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen habe Seghers zur Romanhandlung inspiriert. Die 1900 unter dem Namen Netty Reiling in Mainz geborene Autorin siedelt sie im Jahr 1937 und der ihr vertrauten Umgebung an.

Lager für politische Gegner 

Die frühen Lager, wie Osthofen eines war, hätten in der Frühphase des NS-Regimes dazu gedient, politische Gegner auszuschalten, den NS-Staat zu festigen, erläutert Ramona Dehoff vom Förderverein Projekt Osthofen. Sie entstanden oft binnen kürzester Zeit in vorhandenen Gebäuden wie der leerstehenden Papierfabrik. Erst ab 1936 hätten die Nazis „das Konzentrationslagerwesen professionalisiert“ und standardisierte Lager wie in Sachsenhausen errichtet.

Anna Seghers lebte zu dieser Zeit schon im Exil. Bereits 1933 war die Jüdin und bekennende Kommunistin mit ihrer Familie nach Frankreich geflohen, wo sie „Das siebte Kreuz“ schrieb. Er kreist um die Figur des Georg Heisler und sechs weitere Gefangene, die aus dem KZ Westhofen fliehen und von den Nazis verfolgt werden. Einen nach dem anderen fangen sie und binden sie an Baumstämme auf dem KZ-Appellplatz, wo die Männer ihre Flucht mit dem Leben bezahlen. Nur das siebte Kreuz bleibt frei – Georg Heisler entkommt mit Hilfe alter Bekannter und hilfsbereiter Fremder, schlägt sich über die rheinhessischen Dörfer, Mainz und Frankfurt bis aufs rettende Rheinschiff gen Freiheit durch.

„Seghers kannte die Umgebung sehr gut. Wie sie den Stimmungsumschwung nach den Wahlen beschreibt“, sagt Dehoff, „die Mentalität in den rheinhessischen Dörfern, den Alltag der kleinen Leute und ihr Verhalten, konfrontiert mit der Flucht“, ergänzt Arenz-Morch, das sei wohl nahe an der damaligen Realität. Einer Realität, in der die Existenz des Lagers alles andere als ein Geheimnis war. Häftlinge wurden durch den Ort geführt, es gab große Zeitungsberichte, und in Inhaftierten und Wachpersonal standen sich oft alte Bekannte gegenüber, die selbst aus Osthofen oder Umgebung kamen.

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