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Frankfurt liest ein Buch Frankfurt liest Heckmann

„Benjamin und seine Väter“ erzählt die Geschichte eines Jungen, der in Frankfurt ohne Vater aufwächst. Das Werk von Herbert Heckmann steht im Mittelpunkt des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“.

Berger Straße
Die Berger Straße in Frankfurt in den 20er Jahren. Foto: Inst. für Stadtgeschichte

Benjamin ist ein Sohn ohne Vater. Es gibt viele dieser Jungen im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Benjamin wächst in Frankfurt am Main auf, an der unteren Berger Straße, die für ihn zum großen Spielplatz wird. Über seinen Vater weiß er nichts. Ist er auf dem „Feld der Ehre“ geblieben, wie so etliche andere Väter? Und was heißt das eigentlich genau?

Da Benjamin der Vater fehlt, orientiert er sich an Jonas, dem jungen Rechtsanwalt, der sich um ihn und seine Mutter kümmert. Und er imaginiert sich immer neue Ersatzväter, auf die er in Büchern trifft: den Abenteurer Don Quijote etwa oder Robinson Crusoe, der sich ganz allein auf einer einsamen Insel durchschlagen muss.

Der Schriftsteller Herbert Heckmann hat diese Geschichte erzählt in seinem wunderbaren Roman „Benjamin und seine Väter“ erzählt, erschienen 1962 im Frankfurter S. Fischer Verlag. Jetzt steht das Werk vom 24. April bis 7. Mai im Mittelpunkt des großen Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“. Längst ist „Deutschlands wunderbarstes und sinnvollstes Lesefest“, wie es die Wochenzeitung „Die Zeit“ einmal genannt hat, zu einem Markenzeichen der Literaturstadt Frankfurt geworden.

Zum achten Mal entfaltet sich jetzt ein vielfältiges Programm mit mehr als 90 Veranstaltungen an 70 Orten. Es gibt Lesungen und Diskussionen, Stadtführungen, Theaterabende, es wird gekocht, gelacht, getanzt. Das Fest greift weit in die Region hinaus, bezieht die Städte Bad Vilbel, Bad Soden oder auch Offenbach mit ein.

Herbert Heckmann hätte sich darüber sehr gefreut. Der 1930 in Frankfurt Geborene, von 1984 bis 1996 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gehört zu den wichtigen deutschen Schriftstellern, die leider ein wenig in Vergessenheit geraten sind.

Genau das ist der Sinn des vom Verleger Klaus Schöffling erfundenen Festes „Frankfurt liest ein Buch“: Die historischen Werke, die zu Unrecht im Dunkeln waren, wieder ins Rampenlicht zu holen. Herbert Heckmann, im Kuhwaldviertel aufgewachsen, ist auch eine Figur der Frankfurter Stadtgeschichte. Ein leidenschaftlicher, geradezu barocker Typ, der gerne kochte und, wie es im Programmheft heißt, „ein qualifizierter Esser“. Monika Steinkopf, die frühere Inhaberin der „Berger Bücherstube“, reagierte mit einem freudigen Ausruf auf die Nachricht, dass Heckmann Gegenstand des Festivals sei: „Hecki, ach wie toll, ich erinnere mich noch gut an seine Hechtklößchensuppe!“

Vor allem aber schrieb Heckmann elegant und war ein Bücherliebhaber. Ein kleiner Auszug, der erzählt, wie die Mutter Benjamin den Vater ausmalte: „...er sei ein junger Leutnant gewesen mit einem stacheligen Schnurrbart, aber schon wenig später sprach sie von einem Bankier, der mit Orchideen erklärte, sie niemals zu enttäuschen, dann war es ein in vergangenen Zeiten heimischer Gelehrter, ein gutgekleideter Pferdeliebhaber mit Ahnenpflichten folgte...“

Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) nennt es ein „poetologisch sehr kniffliges Verfahren“, einen „Kunstgriff“, dass ein erwachsener Autor mit dem Blick eines Kindes erzählt. Durch Benjamins Augen sehen die Leserinnen und Leser die Weimarer Republik verfallen und das Unheil des Nationalsozialismus am Horizont heraufziehen. Da ist der krakeelende Herr Neuhaus, der auf der Berger Straße plötzlich schreit: „Versailles ist doch eine nationale Schande!“

Prompt bekommt der väterliche Freund Jonas Schwierigkeiten, weil er den Standpunkt vertritt, „der Krieg sei der Rabenvater aller Dinge“. Bald wird Benjamin von seinen Freunden gemieden, weil deren Väter behaupten, er sei ein „Vaterlandsverräter“. Langsam erweitert sich der Lebenskreis des Kindes: Es erkundet die geheimnisvolle Welt der 1928 eröffneten neuen Kleinmarkthalle, fährt mit dem Zug zu den Großeltern nach Hanau...

„Benjamin und seine Väter“ war eines der ersten Bücher, die Heckmann veröffentlichte, am Ende umfasste sein Werkverzeichnis rund 50 Bände. Die Cheflektorin des Schöffling Verlages, Sabine Baumann, erinnert daran, dass er gemeinsam mit dem Hanser-Verleger Michael Krüger Gedichtbände herausgab, an der University von Illinois in den USA als Gastdozent arbeitete und die legendäre deutsche Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“ mit editierte.

„Frankfurt liest ein Buch“ ist nicht denkbar ohne seine Freunde und Förderer. Der größte bleibt das städtische Kulturamt, gefolgt vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Zum ersten Mal mit von der Partie ist der Kulturfonds Rhein-Main, schon länger dabei die Flughafengesellschaft Fraport.

Vor allem aber lebt das Festival dank der Leidenschaft seines Erfinders, des Verlegers Klaus Schöffling, und seines Organisators, des Literaturveranstalters Lothar Ruske.

Sechs Frankfurter Schulen hat der ins Programm integriert, viele Buchhandlungen, das Haus am Dom, die Deutsche Nationalbibliothek, das Historische Museum, das Deutsche Filmmuseum, die Oper Frankfurt und viele mehr.

Auch vier private Haushalte öffnen ihre Türen. Und in der Tanzschule Wernecke wird Charleston zum Buch geboten... Nur an einer Institution biss sich Ruske seltsamerweise die Zähne aus. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, deren Präsident Herbert Heckmann zwölf Jahre lang gewesen war, sah sich nicht in der Lage, eine Veranstaltung im Rahmen des Lesefestes zu organisieren. Ruske, der sichtlich angefressen wirkt bei diesem Punkt, murmelt etwas von angeblichen Raumproblemen...

Viele aus dem Kulturleben konnten wieder für die Teilnahme gewonnen werden. Die Schauspieler Isaak Dentler und Dietmar Bär zum Beispiel, die Autoren Frank Witzel, Wilfried F. Schoeller oder Heiner Boehncke. Natürlich liest auch die frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth erneut, und ihr Nachfolger Peter Feldmann stellt Passagen des Buches vor Jugendlichen der Weißfrauenschule vor.

Ganz Frankfurt und die Region lesen ein Buch. Schade, dass Herbert Heckmann das nicht mehr erleben kann. Er starb 1999.

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