Lade Inhalte...

Frankfurt liest ein Buch Frankfurt als Flughafen-Lounge

Der Roman „Westend“ von Martin Mosebach steht 2019 im Mittelpunkt des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“

Martin Mosebach
Der Schriftsteller in seiner Arbeitswohnung im Westend. Foto: Rolf Oeser

Der Wandel ist unerbittlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkt die Stille der Straßen auf den Beobachter geradezu magisch: „Es lebten noch viele Menschen dort, es gab kaum Geschäftshäuser, aber jeder die Eingangstreppe hinunterscheppernde Eimer hallte weithin wie ein Peitschenknall.“

Vom Frankfurter Westend ist die Rede. Ein bürgerliches Wohnviertel, in das sich aber rasch die Dienstleistungsbranche mit ihren unmaßstäblichen Bürobauten hineinfrisst. Zwanzig Jahre nach Kriegsende sehen sich die Menschen mit der „Bürostadt Schubertstraße“ konfrontiert: „Auf der in Pastelltönen aquarellierten Wirkungsskizze sah die Christuskirche wie ein Modellhäuschen für die Spielzeugeisenbahn aus, ihr Turm reichte gerade über den Sockel des Glasgebirges, das durch einen Canyon geteilt war.“

Es ist der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach, der diese gesellschaftlichen Umbrüche beschreibt. In seinem mehr als 800 Seiten starken Roman aus dem Jahr 1992 mit dem schlichten Titel „Westend“, der bis heute so etwas wie ein Opus Magnum des Autors geblieben ist. Im nächsten Jahr wird „Westend“ im Mittelpunkt des zweiwöchigen Lesefestivals „Frankfurt liest ein Buch“ stehen. Vom 6. bis 19. Mai werden Dutzende von Veranstaltungen um diesen Roman kreisen – und das ist gut so. Denn „Westend“ bleibt eines der stärksten Werke in der langen Karriere des 67-Jährigen.

Es demonstriert die Stärken des Schriftstellers: Seine elegante Sprache, seine Beobachtungsgabe, seine Selbstironie. Nicht umsonst ist der gebürtige Frankfurter 2007 mit dem Büchner-Preis bedacht worden, der renommiertesten Auszeichnung für Literatur in Deutschland. Dass aber seine Heimatstadt Frankfurt Mosebach jetzt in den Mittelpunkt des Frankfurter Literaturfestes stellt, muss für ihn eine Genugtuung sein.

Von seinem fünften Lebensjahr an ist er im Westend aufgewachsen – und er wohnt heute noch dort. Er ist stets ein scharfzüngiger Kritiker seiner Heimatstadt geblieben. „Frankfurt war eine wunderbare Stadt vor dem Krieg“, sagt er im Gespräch mit der FR.

Danach habe man dann „ein riesiges Verwaltungszentrum auf eine kleine Stadt gestülpt“. Heute bescheinigt der Schriftsteller seiner Heimatstadt eine „gewisse Eigenschaftslosigkeit“. In seinen Augen ist sie „eine große Flughafen-Lounge“.

Mosebach gesteht Frankfurt zu, dass es „beim Adretten und Hübschen gewonnen“ hat. Doch „der Mangel an eigenständiger Atmosphäre“ könne damit nicht kaschiert werden.

Selbst die neue Altstadt zwischen Dom und Römer ist nach seiner Ansicht nur entstanden, damit im Rest der Stadt ungestört Geschäfte gemacht werden könnten.

Man sieht: Beim Festival „Frankfurt liest ein Buch“ im Mai nächsten Jahres könnte es spannende Diskussionen geben. Im Westend fühlt sich der Schriftsteller noch immer wohl – obwohl er sich immer weniger dort aufhält. Im vergangenen Jahr sei er acht Monate nicht in Frankfurt gewesen, sagt er.

Sein jüngstes Werk „21 – Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer“ beschäftigt sich mit Familien in Ägypten, deren Männer Opfer von IS-Terroristen geworden waren. Dafür war Mosebach im Frühjahr 2017 nach Ägypten gereist.

Der engagierte Katholik macht immer wieder durch Positionen auf sich aufmerksam, die von Kritikern als sehr konservativ, ja reaktionär eingeschätzt werden. So kritisierte er Papst Franziskus dafür, dass er sein Amt hauptsächlich mit Show-Elementen ausübe. Der Papst bediene Emotionen und Vorurteile.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen