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Frankfurt liest ein Buch „Eine Weltautorin unserer Region“

Biograf Wilhelm von Sternburg spricht im FR-Interview über Anna Seghers und ihr Werk. Ihr Roman „Das siebte Kreuz“ steht im Zentrum von „Frankfurt liest ein Buch“.

Anna Seghers und ihr Roman sind auch in der KZ-Gedenkstätte Osthofen präsent. Foto: unknown

Herr von Sternburg, Sie haben eine Anna-Seghers-Biografie geschrieben, sie auch einst fürs Fernsehen porträtiert. Was fasziniert Sie an dieser Autorin?
Gestoßen bin ich auf sie während meiner Beschäftigung mit der Exilliteratur. Sie ist sicher mit die bedeutendste deutschsprachige Autorin im 20. Jahrhundert, eine wahre Weltautorin aus unserer Region. Fasziniert hat mich ihr Humanismus, ihre sozialistische Haltung.

Wie haben Sie sich ihr genähert?
Ich habe Anna Seghers nicht persönlich kennengelernt. Als ich das Buch schrieb und den Film machte, habe ich viel in Archiven gearbeitet und die Orte besucht, an denen sie gelebt hat. Und ich hatte das Glück, ihre Kinder kennenzulernen – sowohl ihre Tochter, die in Ostberlin wohnte, als auch den Sohn, der seit Jahrzehnten in Frankreich lebt. Beide haben mir sehr viel über ihre Mutter erzählt, Zugang zu Archivmaterial ermöglicht, Briefe zum Lesen gegeben.

Hat sich das Bild, das Sie durch ihr Werk von ihr hatten, durch diese Recherchen verändert?
Wenn es eine Überraschung gab, dann aus der Erzählung ihrer Kinder, wie mütterlich diese Frau war. Dass sie in äußerst schwierigen Zeiten, mit einem Mann, der sich ganz seiner Wissenschaft als Marxist hingab, die Kinder durch das Exil und die schweren Nachkriegsjahre brachte. Anna Seghers war nicht nur eine große Schriftstellerin und eine Frau, die zutiefst gesellschaftspolitisch dachte, sondern auch ein starker Familienmensch.

In der DDR wurde Seghers verehrt, in Westdeutschland war sie als Kommunistin eher verpönt. Nun widmet sich ihr das Festival „Frankfurt liest ein Buch“, Schauspiel-Intendant Anselm Weber hat kürzlich „Das siebte Kreuz“ inszeniert, und in den Kinos ist die Verfilmung ihres Romans „Transit“ angelaufen. Erleben wir gerade eine Art gesamtdeutscher Versöhnung mit Person und Werk der Anna Seghers?
Diese Versöhnung hat es schon vor 40 Jahren gegeben. Anna Seghers hat im Grunde das Schicksal aller Exilautoren erlebt: Sie wurden im Kalten Krieg zwischen Ost und West im Kampf um die kulturelle Meinungshoheit missbraucht. Der Westen lehnte alle Exil-Schriftsteller ab, die links oder kommunistisch waren. In der DDR fanden sie eine neue Heimat – dort wurden sie gedruckt, gefeiert, gut bezahlt. Anna Seghers musste sich, wie etwa auch Arnold Zweig, für eine Seite entscheiden.

War das auch der Grund dafür, dass sie nach der Rückkehr aus dem Exil in Ostberlin gelebt hat
Berlin war bereits vor dem Krieg ihre Heimat geworden. Als sie 1947 aus dem mexikanischen Exil zurückkam, hat sie zunächst in Westberlin gelebt und ist dann nach Ostberlin gezogen. Als sie merkte, dass sie im Westen auf immer stärkere Ablehnung stieß, entschied sie sich zu bleiben. Später wurde sie zur Staatsschriftstellerin der DDR, was ich wertfrei meine – sie war lange Jahre Vorsitzende des dortigen Schriftstellerverbandes. Ihre Zweifel an den politischen Entwicklungen in der DDR wuchsen, aber sie blieb Kommunistin. Sie hat eigentlich nie mehr daran gedacht, in den Westen zurückzugehen – aus Krankheits- und Altersgründen, und weil sie auch nicht wollte, dass der Westen jubelt.

„Das siebte Kreuz“ hat Seghers im französischen Exil geschrieben – dennoch ist es voller detaillierter Beschreibungen von Mainz, Frankfurt, Rheinhessen. Wie wichtig war ihre Herkunftsregion für ihr Schreiben?
Die Region ist für ihr Werk ganz entscheidend. Sie gehört zu den Autoren – wie Günter Grass mit Danzig, wie Thomas Mann mit Lübeck –, die in der Provinz die Welt entdeckten und aus ihr heraus die Welt erklärten. Nicht nur „Das siebte Kreuz“, auch ihr Roman „Die Toten bleiben jung“ und viele Erzählungen spielen hier. Der Rhein, der Taunus, Mainz, Frankfurt, wo ihre Großeltern lebten – das waren die Orte ihrer Jugend, und das wurden zentrale Orte ihrer Geschichten.

Ist sie je wieder hier gewesen, oder hat sie alles aus der Erinnerung beschrieben?
„Das siebte Kreuz“ beruht nicht zuletzt entscheidend auf Berichten von Flüchtlingen. Sie selbst kehrte erst einige Jahre nach dem Krieg zu Lesungen nach Mainz zurück. Sie fühlte sich der Region weiter tief verbunden, obwohl sie von den konservativen Parteien im Stadtrat aus politischen Gründen diffamiert wurde. Die Versöhnung kam erst in ihren letzten Lebensjahren, als sie 1981 Ehrenbürgerin von Mainz wurde.

Wie typisch ist „Das siebte Kreuz“ für ihr Gesamtwerk?
„Das siebte Kreuz“ ist insofern ein typischer Anna-Seghers-Roman, als er die Geschichte von Alltagsmenschen in extremen politischen Situationen erzählt. Besonders an diesem Roman ist, dass er im Exil geschrieben wurde und DER Roman dieser Zeit ist, was die Darstellung der gesellschaftlichen Situation innerhalb des Dritten Reiches angeht. Seghers beschreibt darin die Mitläufer und Täter, die Opfer und Widerständler.

Halten Sie den Roman auch für eine gute Wahl für „Frankfurt liest ein Buch“? Oder hätten Sie einen anderen Favoriten gehabt?
Ich persönlich habe den Exilroman „Transit“ eigentlich immer besonders geschätzt, ebenso ihre Novelle „Der Ausflug der toten Mädchen“. Das ist eine wunderbare Erzählung, die den Ausflug einer Schulklasse schildert und welche Entwicklungen diese Mädchen im Dritten Reich machen. Aber „Das siebte Kreuz“ ist sicher für viele ihr bedeutendster Roman. Vielleicht ist die Stärke dieses Romans auch, dass er vollständig angesiedelt ist in dieser Region und dass gerade der regionale Bezug diese Geschichte den Menschen so nahebringt.

Was ja auch Sinn und Zweck des Lesefestes ist ...
Ja, das ist eine sehr gute Wahl, die Frankfurt getroffen hat.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

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