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Frankfurt liest ein Buch Der Erinnerung auf der Spur

Die fünfte Ausgabe des Lesefests "Frankfurt liest ein Buch" ist eröffnet. Kulturinstitute, Vereine und Privatleute beteiligen sich mit 70 Veranstaltungen. Wie der Autor Eckhard Henscheid versucht, die Geschichten seines Romans „Die Vollidioten“ über das Nordend im Jahr 1972 zu finden.

Autor Eckhard Henscheid (rechts) und der PR-Verantwortliche, Lothar Ruske, deuten im Nordend Treffpunkte der "Vollidioten" aus. Foto: Andreas Arnold

Gestern war Nordend-Tag. Im geschäftigen Gelärme eines Montagmorgens schürften rings um Oeder Weg und Eckenheimer Landstraße ein paar Dutzend Leute nach Erinnerungen. Die Spuren hat Eckhard Henscheid vor über 40 Jahren mit seinem Roman „Die Vollidioten“ gelegt. Nun soll die Geschichte beim Rundgang mit dem Schriftsteller abgeklopft werden. Jeder Mitgehende bekommt einen Plan in die Hand.

Zum Glück steht an dem vom Veranstalter ausgewiesenen „legendären Ort“ an der Ecke Bornwiesenweg/Oeder Weg früh um 11 schon der frühere Ortsvorsteher Jörg Harraschain auf einer Klappleiter. Der Grüne ruft von da oben: „Unsereiner war dabei!“ Denn die Erinnerung von Henscheid, der gegenüber wartet, die hat Lücken. Ohnehin hatte er über das Jahr 1972 nur einen Roman geschrieben, wenn auch „einen historischen“. „Wir wollten nie alt werden!“, ruft Harraschain von der Leiter. Da es aber jetzt so weit ist, mahnt er: „Die Erinnerung geht verloren!“ Eine ganze Reihe Stellwände mit Fotos aus dem Frankfurt der irren 70er Jahre hat der Stadtteil-Historiker an den Oeder Weg gestellt. Fast genau dahin, wo 1977 die Gaststätte „Zum Mentz“ beim Abbruch des Hauses unterging.

„Zum Mentz“ im Oeder Weg trafen sich „Die Vollidioten“. Eckhard Henscheid blickt versonnen auf den wuchtigen Betonbau mit „Pauschalreisen“-Anbieter drin, der den Platz des verschwundenen Häuschens besetzt: „Das ist der Rest vom Schützenfest ...“ Er weiß noch, dass „der junge Herr Mentz anrief, wenn eine halbe Stunde nach Lokalöffnung noch niemand von uns da war“.

Die Frage, warum die „Vollidioten“ damals keinen Krawall gemacht haben, um die Kneipe zu retten, kommt ihm überraschend. „Wir haben ja“, glaubt er, „ständig Abschlussfeiern machen müssen.“ Während Pit Knorr, dem Henscheid im Roman den Namen Peter Knott verpasst hat, „schon für den Umzug in den Pizza-Peter sorgte“. Auch jenes einst namhafte Lokal in der Glauburgstraße besteht nicht mehr. Doch sei, wie man hört, Peter, der Pizza-Bäcker, gelegentlich auf der Gass anzutreffen, ein fröhliches „Ciao!“ auf den Lippen.

Zweite Station des Nordend-Rundgangs ist der Zugang zum Oberweg. „Hier an der Ecke strauchelte das stark angetrunkene Frl. Majewski und riss mich dabei zu Boden“, vermerken Roman und Lageplan. Wieso das Fräulein stürzte, obwohl es doch „gleich dort“ wohnte, will jemand wissen. Henscheid erwähnt „drei Frauen, die zusammen gehaust und sich wechselseitig nicht sehr geschätzt haben“. Die Mauern der Häuser, die derartiges gesehen haben, stehen noch. „In den 70ern sah es hier ziemlich genauso aus“, findet der Schriftsteller heraus. Aber „das Türkenlokal“ ist weg, aus dem samstags die Schlachtrufe der Fußballglotzer in die Straße schwallten. Als Lebenszeichen klebt heute ein Zettel „Hebamme – vom Aussterben bedroht!“ an der Scheibe eines Erdgeschossfensters gegenüber.

Eine linker Hand gelegene Stehkneipe, in der „Herr Jackopp“ dem Freund erstmals seine Leidenschaft zu Fräulein Czernatzke offenbarte, wird keiner Erinnerung gewürdigt. Es hängt auch eine dicke Traube Musterschüler draußen vor der Glastür, denn es ist jetzt eine Bäckereifiliale drin. Gemessenen Schrittes schwenkt Eckhard Henscheid also um die Ecke ein „in meinen Bereich“. Dieser tut sich an der Eckenheimer Landstraße 21 auf.

„In diesem Haus hat ER gewohnt“, meldet Lothar Ruske verheißungsvoll, der PR-Mann für das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“, zu welchem der Rundgang die Einstimmung sein soll. Das frühere Haus des Dichters sieht grau und schmuddelig aus, das gläserne Vordach ist vor Grünspan blind. 37 Klingelschilder hängen neben der Haustür. Die Eckenheimer mit der kreischenden Bahn setzt die Adresse unter donnernden Lärm. „Welches war dein Fenster?“, fühlt jemand beim Dichter vor. „Es waren grauenhafte Ein-Zimmer-Appartements“, antwortet Henscheid ausweichend. Und dass „bei mir noch eine Katze gewohnt hat, die ist dann weggelaufen“.

Es waren vielleicht doch nicht so lustige Jahre. Es war sogar „keine schöne Zeit“, spricht der Autor beim Halt in der Hebelstraße. Da kommt das Hochhaus in den Blick, wo „im 7. Stock die ,Pardon‘ und im 5. Stock die Zeitung ,DM‘ saß. Und dazwischen der Verleger Hans A. Nikel, der „jeden Artikel mit Titten illustrierte“. Eines Tages hat Henscheid, sagt Henscheid, „einen Haufen Bücher von ,Bärmeier & Nikel‘ runtergeworfen. „Ein antikapitalistischer Akt“, bewundert ihn jemand auf der Gass.

Und ein halbes Jahr später „bin ich rausgeflogen“, resümiert der Schriftsteller. Aber mit der „Titanic“ ging’s später weiter.

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