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Frankfurt-Innenstadt Fotos wie Brandsätze

Der Konzeptkünstler Adrian Giacomelli bearbeitet alte Fotografien mit einer speziellen Lichttechnik. Seine Bilder sind bis zum 4. September in der Galerie BraubachFive zu sehen.

Basis für die Kunstwerke des 34-jährigen Frankfurters sind etwa alte Dias. Foto: Michael Schick

Adrian Giacomelli begutachtet mit weißen Handschuhen behutsam die frisch eingetroffenen Foto-Prints für seine Ausstellung „Falsche Sonne, echtes Feuer“. Die Arbeiten wurzeln in einer bald 15 Jahre alten Passion des Konzeptkünstlers: Damals fing der heute 34-Jährige an, anonyme Fotografien zu kaufen.

Im Februar 2014 stieß er bei einer Internetbestellung auf das entscheidende Konvolut mit 250 Ägypten-Dias. Aufgenommen waren die Fotos an Orten, wie sie typischerweise Touristen besuchen: Wüstenorte mit lokalen Guides auf Pferden und Kamelen, Pyramiden, städtische Plätze und Gebäude. Auf den Etiketten hatte jemand die Zeitspanne 1977 bis 1981 notiert.

Mit diesem Paket wandelte sich Giacomellis Sammelleidenschaft in ein künstlerisches Schaffen, an dessen Anfang ein Zufall stand: Er fotografierte Dias routinemäßig per Handy ab und vergaß den Blitz auszuschalten. So entstand auf der Glasoberfläche der Dias eine Reflexion und auf den Fotos eine falsche Sonne. „Ich wusste sofort, dass das nicht nur ein blöder Unfall war.“

Beim Betrachten stellte er sofort Bezüge zum „Arabischen Frühling“ und den Aufständen auf dem Tahrir-Platz her. „So wie die Ägypter gegen Mubarak kämpften, fotografierte ich quasi gegen eine Sonne, die spätestens seit Louis XIV als Metapher für politische Macht steht.“ Seit dem Glücksfund setzt er die Technik bewusst ein, belichtet eine Auswahl von Dias aufwendig mit externen LED-Lampen. Bald nach dem Fund erhielt er ein Angebot der Robert-Bosch-Stiftung und des Goethe-Instituts in Kairo, seine Foto-Reihe „Egypt against the sun“ in Ägypten auszustellen.

Bezug zur Katastrophe

Bereits einige Wochen später wandte er sich einem anderen Krisenherd zu. Der 2. Mai 2014 war einer der traurigen Höhepunkte des Russland-Ukraine-Konflikts und Stunde Null für die ukrainische Stadt Odessa. Nach einem Kampf mit pro-ukrainischen Fußballfans und militanten Schlägern aus dem rechten Sektor verbrannten Dutzende Antinationalisten im Gewerkschaftshaus.

„In diesen Tagen entdeckte ich in einem Frankfurter Antiquariat einen Bildband zum 200-jährigen Jubiläum von Odessa“. Giacomelli kaufte das Buch, löschte das Licht in seinem Atelier, zündete Streichhölzer an und begann, die Fotos des alten Odessas im Licht der Miniaturbrandsätze, wie er sie nennt, abzufotografieren. Schon der Prozess des Entzündens stellt den Bezug zur Katastrophe her, denn auch in Odessa warf ein wütender Mob mit Brandsätzen. „Die rot-orange leuchtenden Polaroids erinnern nicht nur an die Feuerglut, in der die Menschen gestorben sind, sondern symbolisieren in der Reduktion auf Gelb- und Rottöne auch den Verlust der kulturellen und sprachlichen Vielfalt, für die die Stadt berühmt war.“

Unscharf, verschwommen und wie wund gerieben zeigen die Reproduktionen der Reihe „Odessa by Flames“ verletzte Orte, deren domestizierte Fassade, wie sie noch der Bildband wiedergab, in Brand stehen. Während das Jubiläumsbuch Bilder von Prachtbauten, Denkmälern und breiten Straßenzügen für ein historisches Porträt der Stadt versammelte, wirbeln die Polaroids dieses Bild von Odessa auf und reflektieren den Bruch in der Zeitreihe der Stadt. Giacomellis Bilder sind in dieser Hinsicht nicht nur Verwahrer von Vergangenheiten, sondern auch Sprengsätze für eine andere Zukunft.

„Falsche Sonne, echtes Feuer“ wird am 21. August um 19 in der Galerie BraubachFive, Braubachstraße 5, eröffnet. Bei der Finissage am 4. September liest Giacomelli ab 17 Uhr eigene Texte.

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