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Frankfurt-Höchst „Nationalität spielt keine Rolle“

Ingrid Oppermanns Vater floh vor den Nazis, sie ist im türkischen Exil geboren. Die Zeitzeugin spricht am Friedrich-Dessauer-Gymnasium.

Ingrid Oppermann erzählt aus ihrer Kindheit. Foto: christoph boeckheler*

Zeitungsartikel und Briefumschläge liegen verstreut vor Ingrid Oppermann auf dem Tisch. Nachdenklich holt sie aus ihren Unterlagen ein Foto hervor: „Sehen Sie, so sieht der Talar aus, den mein Vater dann immer anhatte“, sagt sie und hält das Bild in die Luft.

Oppermann ist als Zeitzeugin im Friedrich-Dessauer-Gymnasium zu Gast. In einem Klassenzimmer im dritten Stock erzählt sie von ihrer Kindheit und ihrem berühmten Vater dem Physiker und Astronom Professor Doktor Wolfgang Gleissberg, der während des Nationalsozialismus in die Türkei emigrierte. Wegen seines jüdischen Großvaters hatten ihn die Nazis seines Amtes an der Sternwarte in Breslau enthoben.

„Atatürk wollte damals 1933 die Universität in Istanbul reformieren und hat nach ausländischen Wissenschaftlern gesucht“, erklärt Oppermann den Schülern. Deshalb haben viele das Glück gehabt, weiter in ihren Berufen arbeiten zu können. Rund 30 der 87 Professoren der Universität seien damals Deutsche gewesen.

Ingrid Oppermann ist in der Türkei geboren und spricht fließend Deutsch und Türkisch. Erst Ende der 1950er Jahre war die Familie zurück nach Deutschland gekommen. Viele der Schüler im Klassenraum haben ebenfalls einen Migrationshintergrund. Bei der anschließenden Fragerunde erkundigen sie sich deshalb vor allem nach den persönlichen, emotionalen Eindrücken, die sie gesammelt hat.

„Fühlen sie sich jetzt eher als Deutsche oder als Türkin?“, fragt Anita Erjawez, deren Eltern aus Bosnien kommen. Die 78-jährige Oppermann muss lange überlegen. „Beides“, antwortet sie schließlich „ich bin gottseidank so aufgewachsen, dass Nationalität keine Rolle für mich spielt.“

Einmal im Jahr versuchen die Geschichtslehrer Nadja Schäfer und Björn Schaal den Schülern der Oberstufe ein Zeitzeugengespräch zu ermöglichen. „Mit Menschen wird die Geschichte einfach lebendiger“, sagt Schäfer. Die Geschichte von Gleissberg und seiner Tochter mache zudem auf die lange Beziehung zwischen der Türkei und Deutschland aufmerksam, die aktuell wieder zum großen Thema geworden sei.

„Dass einige bedeutende Wissenschaftler damals in die Türkei ausgewandert sind, war den meisten Schülern nicht bewusst“, sagt Schäfer. Eine wichtige Initiative sei damals die „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ gewesen, die sich um die Vermittlung der Geflüchteten gekümmert habe.

Im Rahmen der interkulturellen Wochen in Frankfurt ist Ingrid Oppermann gleich an mehreren Schulen zu Gast. Organisiert werden die Gespräche durch das Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt. Auch an der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt und am Gymnasium in Oberursel erzählt Oppermann in den kommenden Tagen ihre Geschichte.

„Sowohl Ernst Reuter als auch Friedrich Dessauer waren Wissenschaftler, die in die Türkei ausgewandert sind, deshalb haben wir uns für diese Schulen entschieden“, sagt Angelika Riebe, die das Projekt Jüdisches Leben gegründet hat. Es sei wichtig daran zu erinnern, wie die Türkei den Deutschen damals geholfen habe und auch darüber nachzudenken, wie man den Geflüchteten hier eine neue Perspektive schaffen könne.

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