Lade Inhalte...

Frankfurt-Höchst Die Schicksale der „Wolfskinder“

Historiker und Zeitzeugen erzählen am Friedrich-Dessauer-Gymnasium aus der Nachkriegszeit. Die Schüler und ihr Lehrer planen ein Buch über die Erlebnisse der „Wolfskinder“ im früheren Ostpreußen.

Veranstaltung "Wolfskinder" | Frankfurt | 28.02.2017
Die Schüler planen auch ein Buchprojekt. Foto: peter-juelich.com

Ihre Eltern hatten sie in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verloren. In den letzten Kriegsmonaten und den Folgejahren bettelten sie, stahlen und durchforsteten Abfälle nach Essbarem, um zu überleben. Die Rede ist von den sogenannten „Wolfskindern“ in Ostpreußen, das heute teils zu Polen, Litauen und Russland gehört.

Flucht und Vertreibung stehen in der Oberstufe auf dem Lehrplan des Geschichts-Leistungskurses am Friedrich-Dessauer-Gymnasium. Lebendig wird das Thema am Dienstagnachmittag für die 17- und 18-Jährigen. In die Schulbibliothek des Gymnasiums sind neben den 18 angehenden Abiturienten weitere rund 20 Besucher gekommen.

Der junge Geschichtsforscher Christopher Spatz hält einen Vortrag über „Ostpreußens Hungerkinder“. Er hat über ihre Erlebnisse promoviert und seine Doktorarbeit in dem Buch „Nur der Himmel blieb derselbe“ veröffentlicht. Daneben berichten die beiden Zeitzeugen Hannelore Neumann und Gerhard Schröder aus ihrem Leben.

„Im Frühjahr haben wir auf Bäumen gesessen und die Knospen gegessen“, berichtet Schröder. Von gefundenen Knochen sei kaum etwas übrig geblieben, denn die Kinder hätten sie besser abgenagt als Hunde. Zum Braten von Kartoffeln oder deren Schalen nutzten die Kinder Maschinenöl, Kalidünger diente als Salzersatz. Während der Hungersnot aßen sie, was sie fanden: Brennnesseln, Igel oder Baumrinde etwa.

Der 72-Jährige, der in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, geboren wurde, verlor seine Mutter und seinen damals sechsjährigen Bruder im Sommer 1945. Beide starben an Krankheit und Unterernährung. Schröder war damals zehn Jahre alt. „Ich habe es nicht so krass empfunden“, sagt er heute. „Ich war abgehärtet.“ Keine Träne sei ihm gekommen, weil er zuvor schon viele Verstorbene habe betrauern müssen.

„Die Kinder waren roher und abgebrühter“, sagt Geschichtsforscher Spatz. Sie seien beim Betteln erfolgreicher, beim Stehlen wendiger und beim Russisch lernen schneller als Erwachsene gewesen. Andererseits hätten sie die Lust am Spielen verloren. Viele hätten aufgehört zu sprechen und seien früher gealtert. „Kleine Jungen sahen mit ihren Falten aus wie alte Männer“, so Spatz.

Geschichtslehrer Björn Schaal hat die Veranstaltung in Kooperation mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge organisiert. Mit seinen Schülern möchte er im Sommer ein Buch mit Zeitzeugenberichten der ehemaligen Wolfskinder veröffentlichen. Das Echo auf Anfragen für Gespräche sei riesig gewesen. „Wir haben 250 Zuschriften erhalten“, berichtet Schaal, teils von Betroffenen, deren Kindern und Enkeln sowie anderen Interessierten. Darunter seien Briefe nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich, Belgien Frankreich, den USA und Litauen gewesen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum