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Frankfurt-Gutleut Sie kämpfte fürs Gutleut-Viertel

Die frühere Entwicklungshelferin Hannelore Kraus führt seit 30 Jahren ihre internationale Pension im Frankfurter Gutleut-Viertel. Sie verhinderte einst den Bau eines Hochhauses und verzichtete auf Millionen.

Hannelore Kraus in ihrem Café „Nussknacker“ im Gutleutviertel. Foto: Peter Jülich

Nebenan schiebt der türkische Fischhändler gerade die Rollläden seines winzigen Geschäfts hoch. Gegenüber, auf der anderen Seite der Karlsruher Straße, hat ein türkisches Reisebüro schon geöffnet. Die abgewetzten Schilder an den Herbergen in den schmalbrüstigen Häusern versprechen die große weite Welt: Hotel Paris, Hotel Oriental, Hotel Europa. Hannelore Kraus macht eine allumfassende Armbewegung: „Wir haben hier viele Ausländer, mindestens 45 Prozent – und wir sind stolz darauf!“ Die weißhaarige Frau ist hier, hinter dem Frankfurter Hauptbahnhof, geboren und aufgewachsen. Und trotz zahlloser Reisen nach Afrika und Südamerika, nach ihrer Zeit als Entwicklungshelferin, stets wieder hierher zurückgekehrt.

Die 76-jährige kann kaum stillsitzen, sie redet ohne Unterlass. Tigert durch ihr kleines Café „Nussknacker“, das weihnachtlich dekoriert ist, brennende Kerzen flackern auf den Tischen und überall stehen – na klar: eben Nussknacker. Das Sammeln dieser Figuren ist eine der Leidenschaften der studierten Soziologin. „Seit 30 Jahren bekommen alle Bewohner meiner Pension einen Nussknacker geschenkt.“ Sie liebt das Gedicht „König Nußknacker“ des Frankfurter Poeten Heinrich Hoffmann (1809-1894) aus dem 19. Jahrhundert:

„König Nußknacker, so heiß ich,
harte Nüsse, die zerbeiß ich,
süße Kerne schluck ich fleißig,
doch die Schalen, eh!
die schmeiß ich
lieber Andern hin,
weil ich König bin.“

„Der Hoffmann, der ist mir lieb“, sagt die Pensionswirtin ganz schlicht. Sie hat in ihrem Leben in der sogenannten „Dritten Welt“ ebenso für die Rechte der Menschen gekämpft wie im heimatlichen Gutleut. Getreu des Mottos ihres Vaters, eines Sanitärgroßhändlers aus der Gutleutstraße: „Wie wollen wir erwarten, dass die Völker sich verstehen, wenn wir es nicht zuhause bei uns schaffen.“

Völkerverständigung: Das hat die junge Frau ernst genommen, als die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die nationalsozialistische Terrorherrschaft noch frisch waren überall in Europa. Vor allem in den Ländern, die Deutschland mit der Wehrmacht heimgesucht hatte. 1964 bestieg sie einen kleinen 2CV und machte sich auf eigene Faust auf eine damals ungewöhnliche Reise: Durch Polen, Ungarn und Rumänien.

Und nur einige Jahre später tat sie einen noch größeren Schritt. Im Auftrag der Vereinten Nationen (UN) ging sie von 1969 an nach Afrika, in die Elfenbeinküste und nach Nigeria. Später arbeitete sie als Entwicklungshelferin auf Haiti. Die Situationen, die Bilder aus dieser Zeit haben sich ihr eingebrannt. „Ich sah viele sterbende Kinder.“ Das schlimmste Elend sei ihr tatsächlich auf Haiti begegnet. „Es herrschte Hoffnungslosigkeit, Apathie unter Baby Doc“ – das war damals der brutale Diktator, den sie auch persönlich kennenlernte.

Die junge Frau ging danach nach Äthiopien, später auch in die Volksrepublik China. Immer allein, nur mit dem Gewicht der Vereinten Nationen als vager Rückendeckung. Unerschrocken kurvte sie in einem alten klapprigen Peugeot durch Westafrika.

Kraus blickt nachdenklich auf die Kerzenflamme vor ihr. Das Schlimmste ist: Die Probleme in Afrika sind auch heute noch die gleichen geblieben. „Das erste ist: Der Gesundheitszustand der Menschen muss stabilisiert werden.“ Der nächste Schritt: „Die Bildung ist das A&O.“
Es müsse gelingen, gerade in den afrikanischen Staaten „eine Erziehung zum Gemeinsinn“ durchzusetzen. Statt dessen bilde noch immer „Korruption die größte Gefahr.“

Bei der Rückkehr nach Frankfurt Anfang der 80er Jahre erschien ihr der Schritt zur Selbstständigkeit nur natürlich. „Ich wollte von Anfang an eine internationale Pension gründen.“ Das städtische Verkehrsamt vermittelte ihr Gäste aus den Ländern, mit denen sie vertraut war. Im Haus ihres Vaters an der Gutleutstraße baute sie das Domizil auf, das heute zehn Zimmer umfasst. Für viele Gäste aus Afrika, aber auch Südamerika ist es ein vertrauter Anlaufpunkt.

Aber auch viele Künstler und Intellektuelle kamen und kommen. Der Verleger Klaus Wagenbach ist Stammgast zur Buchmesse, ebenso die Verlegerin Antje Kunstmann. Aber Kraus beherbergte auch den sowjetischen Botschafter Valentin Falin oder, nach der Wende 1990, den früheren Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit, Markus Wolf. „Der hat sich gewundert, dass ich ihm so viele Schlüssel in die Hand gedrückt habe – und ich hab gesagt: Nur zu ihrer Sicherheit!“

Familie ist ihr wichtig

Ende der 80er Jahre wurde die Pensionswirtin bundesweit bekannt: Ihr Kampf verhinderte den Bau des damals geplanten höchsten Hochhauses Europas, des 300 Meter hohen Campanile, auf dem Parkplatz südlich des Hauptbahnhofs. Kraus war laut Baurecht betroffene Nachbarin – aber sie verweigerte ihre Zustimmung.

Emissäre der Bauherren belagerten ihr Haus, versuchten, die Hartnäckige mit immer neuen Millionen-Angeboten umzustimmen. „Zum Schluss haben sie mir acht Millionen Mark geboten, hier in meiner Küche.“ Ihr Neffe und ihre Schwester erhielten Drohanrufe. Kraus blieb hart. Sie wurde zum Fernseh-Star, trat 1989 sogar in der ZDF-Sendung „Menschen des Jahres“ bei Günther Jauch auf. „Wenn ich nachgegeben hätte, hätte ich mir nie mehr in die Augen blicken können.“ Sie fürchtete: „Mein Viertel, das Gutleut, wird plattgemacht.“ Durch das geplante Hochhaus mit Luxuswohnungen und einem Hotel wäre, davon ist sie heute noch überzeugt, die Sozialstruktur des armen, multikulturellen Gutleut gekippt. Außerdem gelte der alte Satz: „Geld alleine macht nicht glücklich.“

Noch heute wirft sie den Investoren von damals vor, das Gutleut „schlecht gemacht“ zu haben – als Viertel mit vielen Ausländern und hoher Kriminalität. „Wir wurden bewusst diffamiert, um den Fuß in unser Quartier zu setzen.“

Nur wenige Stunden vor der Kommunalwahl im März 1989 wies der damalige CDU-Planungsdezernent Hans Küppers den Chef der Bauaufsicht, Karl-Dietrich von Wachter, schriftlich an, die ersten Teilbaugenehmigungen für den Campanile zu erteilen. Trotz der fehlenden Nachbarschaftszustimmung von Kraus. Die CDU verlor die Kommunalwahl, bald darauf kippte der Hessische Verwaltungsgerichtshof die Baugenehmigungen als rechtswidrig und nichtig. Der Campanile wurde nie gebaut.

Mittlerweile hat eine CDU-Landesregierung das hessische Baurecht geändert. Kraus ist baurechtlich nicht mehr Nachbarin des Parkplatz-Grundstücks am Hauptbahnhof. Die Römer-Koalition von CDU und Grünen will jetzt auf dem Areal einen Fernbus-Bahnhof anlegen lassen. Damit macht die Pensionsbesitzerin ihren Frieden: „Das wird gebraucht und ist gerechtfertigt.“ Sie erinnert sich wehmütig daran, dass der Grüne Daniel Cohn-Bendit schon in den 80er Jahren den Busbahnhof mitsamt eines internationalen Basars vorgeschlagen habe.

Mit ihren 76 Jahren steht sie noch immer voll im Leben. Freut sich darüber, dass der rechte Front National bei den Regionalwahlen in Frankreich doch nicht gesiegt hat. „Gott sei Dank“. Wobei die alte Dame nach den Erfahrungen ihres Lebens überhaupt kein gläubiger Mensch ist.

Schon springt Kraus wieder auf, eilt ins Nebenzimmer, taucht mit alten Schwarz-Weiß-Fotografien wieder auf. Ihr Schwester, ihr Bruder und sie in ganz jungen Jahren. Die Familie und ihr Zusammenhalt stehen bei ihr hoch im Kurs. Am Heiligen Abend sind bei ihr im Gutleut nicht weniger als 18 Familienmitglieder aus aller Welt zusammengekommen, darunter etliche Enkel.

Ein Leben lang hat sich Hannelore Kraus für die Verständigung unter den Völkern eingesetzt. Schon ihre Eltern und Großeltern standen für das liberale Bürgertum, das Frankfurt seit dem 19. Jahrhundert geprägt hatte. Im Frühjahr 1945 wurden die sechsjährige Hanneloren und ihre Mutter aus dem schwer zerbombten Frankfurt aufs Land ausquartiert. Nur der Vater blieb im Gutleut zurück. Im März rückten US-Soldaten mit Panzern über den Main, stürmten auch das Haus Kraus. Die Amerikaner, die kurz zuvor noch beschossen worden waren, bedrohten den Vater mit dem Gewehr, schickten sich an, alles kurz und klein zu schlagen.

Der führte den Trupp zum Bücherschrank im Wohnzimmer. Dort stand eine historische Ausgabe der Werke des Dichters Heinrich Heine, der 1831 vor Zensur und Verfolgung nach Paris ausgewandert war. Der US-Offizier, der die Gruppe anführte, nickte anerkennend. Die Wohnung blieb unzerstört.

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