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Frankfurt Gefängnis JVA Gala-Dinner hinter Gittern

Fernsehkoch Mirko Reeh geht in den Knast. Um was zu kochen. Mit den dort inhaftierten Frauen, die zu Köchinnen ausgebildet werden. Die PR-Aktion ist dazu gedacht, Vorurteile gegen die gut ausgebildeten späteren Ex-Insassinnen am Arbeitsmarkt abzubauen.

22.09.2012 21:43
Marek Fritzen
Klar gesichert: Köchinnen-Ausbildung in der JVA. Foto: Martin Weis

Der Schneebesen schrammt immer wieder gegen den Topfrand. „So, zack, zack, zack und Schwups und zack. Bitte Vorsicht bei der Mascarpone“, ruft Mirko Reeh, „die darf man nicht zu fest schlagen, sonst verklumpt das alles.“ Der TV-Koch steht am Samstagvormittag mal wieder am Herd. Fernsehkameras sind dabei. Auch das Radio ist gekommen. Töpfe, Abzugsanlage, Suppenlöffel an der Wand – soweit scheint alles auf eine gewöhnliche Großküche hinzudeuten.

Nur der Blick aus dem Fenster verrät etwas anderes: Unübersehbar ragt sie in die Höhe, die meterhohe graue Betonmauer. Oben drauf ist  an einigen Stellen Stacheldraht zu erkennen. Mirko Reeh kocht am Samstagmorgen hinter Gefängnismauern. Genauer gesagt hinter den Mauern der Frauenhaftanstalt Frankfurt III in Preungesheim gemeinsam mit sechs jungen Frauen, die während ihrer Inhaftierung eine zweijährige Ausbildung zur Köchin absolvieren.  Zusammen kochen sie am Samstag ein hessisches Spitzenmenu, bestehend aus einem Sauerkraut-Currysüppchen, Tatar vom Handkäs, Spaghetti mit „Grie Soß“ und als Dessert hessisches Tiramisu. 

Hahn kocht mit

Neben Reeh und direkt vor der Mascarpone-Schüssel steht Eva K. (Name v. d. Red. geändert). Sie rührt und Reeh kommentiert: „Genau, das sieht sehr gut aus.“ K. ist eine der sechs angehenden Köchinnen. Vor 14 Tagen hat sie ihre Zwischenprüfung abgelegt. „91 von 100 Punkten habe ich erreicht“, berichtet die 31-Jährige, „das ist eine Eins. Darauf bin ich sehr stolz.“ Eigentlich, so erzählt sie, sei es nie ihr Ziel gewesen Köchin zu werden. „Aber hier im Gefängnis habe ich nach einer Möglichkeit gesucht mich weiterzubilden und da war die Ausbildung zur Köchin die ideale Gelegenheit.“ Mittlerweile, nach einem Jahr, mache ihr die Ausbildung großen Spaß. Speziell die Arbeit im Team sei etwas Besonderes. „Und wenn man dann noch sieht, dass es den Leuten schmeckt, freut mich das natürlich sehr.“

350 Frauen sitzen derzeit in der Frauenhaftanstalt ein. 13 von ihnen werden zu Köchinnen oder Fachkräften für Gastgewerbe ausgebildet. Organisiert vom Berufsbildungswerk Fritz Bauer arbeiten die Frauen montags bis freitags in der Großküche mit verschiedenen Lehrern aus dem Rhein-Main-Gebiet zusammen: Auf dem Programm stehen Speisekartengestaltung, Tischdekoration, Backen und Kochen. „Es ist sehr abwechslungsreich“, versichert K., „langweilig wird es nie.“

Langweilig wurde es auch am Samstag nicht in der JVA-Lehrküche im vierten Stock, dafür aber sehr eng: Denn neben Mirko Reeh, den sechs Auszubildenden sowie den Medienvertretern stand auch Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) mit am Herd. Gemeinsam mit Reeh und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Hessen hatte er das öffentliche Kochen organisiert. „Die JVA gehört zu den größten Ausbildungsbetrieben in der Region“, sagte Hahn. „Hier wird hervorragende Ausbildungsarbeit geleistet, darauf wollen wir aufmerksam machen.“

Appell an die Arbeitgeber

Denn obwohl eine große Zahl der weiblichen Auszubildenden ihre Abschlussprüfungen mit besonderer Auszeichnung bestehen, haben viele immer wieder Probleme nach ihrer Freilassung einen Job zu finden. „Die Inhaftierung hält viele Arbeitgeber davon ab, die Frauen einzustellen“, weiß Sabine Brede, Leiterin des pädagogischen Dienstes in der JVA. Zwar gebe es durchaus auch positive Beispiele, wie den Fall einer ehemaligen Inhaftierten, die nun die stellvertretende Leitung eines Restaurants übernommen habe, doch: „Oftmals werden die Frauen jedoch aufgrund ihrer Vorgeschichte gar nicht erst zu Bewerbungsgesprächen eingeladen“, so Brede. „Wir können daher nur an die Arbeitgeber appellieren, dass die Frauen die Möglichkeiten bekommen ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten zu zeigen. Sie sollten ihre Chancen bekommen.“ Das findet auch Mirko Reeh. „Ich bin begeistert von der Arbeit der Damen“, gesteht der Koch. „Man merkt denen richtig an, dass sie Spaß am Kochen haben.“ Er könne sich nicht daran erinnern, jemals eine so gut organisierte Küche gesehen zu haben.

Das hört Dana J. natürlich gern. Sie absolviert derzeit ebenfalls ihre Ausbildung zur Köchin. Am Samstag ist sie für die Sauerkraut-Curry-Suppe zuständig. „Nach meiner Freilassung würde ich gerne erst einmal mein Abitur nachmachen und dann Ernährungswissenschaften studieren“, sagt die 28-Jährige, dann muss sie zurück in die Küche. Gleich wird serviert.

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