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Frankfurt Gedenken mit „Harlem Swing“

Zu Wolfgang Lauingers 100. Geburtstag kämpfen Wegbegleiter für die vollständige Schwulen-Rehabilitierung. Lauinger starb im Dezember vorigen Jahres.

Wolfgang Lauinger
Wolfgang Lauinger. Foto: Andreas Arnold (dpa)

Vor zwei Jahren hat sich der damals 98-jährige Wolfgang Lauinger Gedanken darüber gemacht, wie sein 100. Geburtstag gefeiert werden sollte. Der Frankfurter Bub, der als „Halbjude“, als Swing-Kid und als Homosexueller verfolgt worden war und stets für seine Rehabilitierung kämpfte, hat das Fest nicht mehr erlebt. Lauinger starb im Dezember vorigen Jahres.

Am Sonntag begingen 111 Weggefährten den Geburtstag ganz in Lauingers Sinne im Gallus-Theater mit Swing-Musik und nachdenklichen Reden. Der langjährige Grüne-Bundestagsabgeordnete und Schwulenaktivist Volker Beck zitierte Lauingers „persönliches Vermächtnis, dass niemand mehr Opfer eines menschenverachtenden Regimes wird“. Dafür hatte Lauinger gekämpft und sich in Auftritten, etwa vor Schülerinnen und Schülern, noch bis kurz vor seinem Tod eingesetzt. „Er war in seinem hohen Alter ein sehr bewusster, ein sehr politischer Mensch“, betonte Beck.

Wolfgang Lauinger hatte – wie Sophie Schmidt vom Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums berichtete – auch noch mit Jugendlichen ins Klapperfeld gehen wollen, das ehemalige Gefängnis der Nazi-Geheimpolizei Gestapo, wo er eingesessen hatte. Nach dem Krieg wurde er 1950 als schwuler Mann erneut dort inhaftiert – zu seinem Entsetzen und seiner Empörung wieder von dem gleichen Frankfurter Staatsanwalt Fritz Thiede, der bereits im Dritten Reich gegen homosexuelle Männer vorgegangen war.

Volker Beck erinnerte daran, wie spät die Politik mit der Rehabilitierung von Opfern der Homosexuellen-Verfolgung in der Nazizeit und auch in der jungen Bundesrepublik begonnen habe. Für Wolfgang Lauinger, der dafür gekämpft hatte, kam sie zu spät. Im Sommer 2017 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Rehabilitierungsgesetz für Opfer der Verfolgung in der Bundesrepublik. Doch Lauingers Antrag wurde abgelehnt – weil er aufgrund des Schwulenparagrafen 175 „nur“ monatelang in Untersuchungshaft gesessen hatte, aber nie verurteilt worden war. Das zeige, „dass wir, die ,Champions‘ in der Aufarbeitung historischer Schuld, gar nicht so vorbildlich waren“, stellte Beck fest.

Für Lauinger den Kampf zu Ende führen

Der Grünen-Politiker berichtete, dass der Bundesrat nun auf Initiative des Landes Berlin darüber berate, ob die Lücke geschlossen werde. Während im Hintergrund ein Foto von Wolfgang Lauinger über der Bühne eingeblendet wurde, appellierte Beck: „Wir müssen jetzt für ihn diesen Kampf zu Ende führen.“

Auch der hessische Antidiskriminierungs-Staatssekretär Kai Klose (Grüne) sprach sich am Rande der Veranstaltung für eine Erweiterung der Entschädigungsregelung aus, „um auch jenen Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die wie Wolfgang Lauinger wegen Paragraf 175 in Untersuchungshaft saßen“. Klose beklagte, Lauinger sei Repressalien ausgesetzt gewesen, „weil er war, wer er war“.

Dazu gehörte, dass Lauinger in seiner Jugend mit Freunden Swing hörte und dazu tanzte, im Frankfurter „Harlem Club“, der den Nazis ein Dorn im Auge war. Helge Heynold las aus dem Bericht der Gestapo, die über die Bewegungen zum „negerhaften Rhythmus“ herzog. Stefan Wuthe legte eine Schellackplatte aufs Grammophon – jenen „Harlem Swing“, der den Frankfurter Swing-Kids ihren Namen gegeben hatte und dessen Melodie sie zur Erkennung pfiffen. Marc Joliff spielte Swing live.

Die Matinee wurde von Lauingers Freundin und Biografin Bettina Leder organisiert. Christian Setzepfandt schilderte das Frankfurt der Nazi- und Nachkriegszeit. Emotionaler Höhepunkt aber waren Lieder voller Witz und Tiefe, die Jo van Nelsen vortrug – etwa von Claire Waldoff, deren Musik Wolfgang Lauinger liebte. Ihm hätte dieses Fest gefallen.

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