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Frankfurt-Eschersheim Ziegelsteine für die wachsende Stadt

Vor über hundert Jahren war Eschersheim ein Zentrum der Ziegeleiherstellung. Reste der metertiefen Lehmgruben sind auch heute noch in dem Stadtteil zu finden.

In diese alte Lehmgrube wurde die Ziehenschule gebaut. Foto: Oskar Zindel

Es gibt sie noch, die metertiefen Kuhlen, die einst Eschersheim umgaben wie eine endlose Baustelle. Zwischen Hügel- und Fontanestraße etwa: Läuft man dort durch die Gärten und Hinterhöfe der im Sinne des „Neuen Frankfurt“ errichteten Häuser, geht es an der einen Straße mehrere Meter bergab und an der anderen wieder bergauf.

Jene Gräben und Kuhlen, die in Teilen der nördlichen Stadtteile noch existieren und zwischen denen die Straßen einmal wie Deiche verliefen, sind Überbleibsel aus einer Zeit, in der Eschersheim noch ein Zentrum der Ziegeleiherstellung war. Damals, in den 1880er-Jahren, wuchs die Bevölkerungszahl Frankfurts sprunghaft an. Und damit steig auch der Bedarf nach Baumaterial. Da kam der lehmige Boden rund um die heutige Eschersheimer Landstraße und die Hügelstraße gerade recht.

Nicht wenige Bauern wurden damals zu Backsteinfabrikanten. Fünf solcher Unternehmer sind in einem Eschersheimer Adressbuch aus dem Jahr 1889 verzeichnet. Wo zuvor wogende Weizenfelder die Landschaft prägten, entstanden innerhalb weniger Jahre etliche sogenannte Feldbrandziegeleien. Dort stach man die Lehmschicht ab, die unter dem Mutterboden oft „mehrere Meter dick“ vorkam, wie Oskar Zindel erzählt.

Der Stadtteilhistoriker hat zum Thema Ziegeleien einen eigenen Ordner im Schrank stehen. Den Unterlagen lässt sich auch entnehmen, dass Arbeiter auf den Feldern aus einem Lettig genannten Lehm-Ton-Gemisch und Sand im „Deutschen Reichsformat“ genormte Ziegelsteine formten. Diese brannten sie später in riesigen Stapeln an Ort und Stelle.

„Je zwei Arbeiter standen in diesen Brennereien am Tisch und tauchten eine Holzform ins Wasser, setzten sie auf und schlugen mit großem Kraftaufwand die nötige Lehmmenge in die Formen“, erklärt Zindel einen Teil des Arbeitsvorgangs. Die Arbeiter für diesen Knochenjob, der zwischen März und Oktober von Sonnenauf- bis -untergang durchgeführt wurde, kamen vor allem aus dem ärmlichen Spessart und aus der Gegend um Fulda. Sie schliefen in einfachen Unterkünften auf dem Ziegeleigelände.

Ein erfolgreicher Ziegelbrenner war Alexander Parrandier, der mit dem verdienten Geld viele Häuser in Eschersheim baute. Die nach ihm benannte Alexanderstraße wurde nach der Eingemeindung 1910 in Zehnmorgenstraße umbenannt. Bauherren wie Parrandier kamen die offenen Gruben zupass: So musste für den Bau der Ziehenschule 1914 zum Beispiel kein Keller ausgehoben werden, wie Hobbyhistoriker Klaus Gülden erzählt – das Gebäude wurde direkt in die vorhandene Kuhle gebaut.

Verbotener Abenteuerspielplatz

„Ein Großteil der Ziegel, die im Nordend verbaut wurden, kam aus Eschersheim und Eckenheim“, weiß Zindel zu berichten. Das waren allerdings Steine aus einer Ringofen-Ziegelei, in der Ziegel akkurater als auf dem Feld hergestellt werden konnten. Eine solche Ziegelei war bis 1929 an der Nußzeil in Betrieb. Bis in die 50er-Jahre hinein nutzten Kinder das Gelände, auf dem heute Wohnblocks stehen, als verbotenen Abenteuerspielplatz. „Zum Verstecken war das Gelände ideal“, erinnert sich Roland Jörg, der heute seine Freizeit am liebsten im Kleingartenverein Nußzeil verbringt – nur wenige Meter von der ehemaligen Ziegelei entfernt.

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