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Frankfurt Eine poetische Liebeserklärung an Sachsenhausen

Philipp Burckhardt, 20-jähriger Schüler aus Sachsenhausen, hat seiner Kreativität freien Lauf und ein „Kunstbuch“ geschaffen, das seinen Stadtteil darstellt.

Ideen muss der Mensch haben. Und Bücher. Philipp Burckhardt macht daraus was. Foto: Andreas Arnold

Der Blick geht Richtung Skyline, davor ein Paar am Sachsenhäuser Museumsufer. Er: „Wolle mer net mal widder nibber uff die Zeil un naach a paar Schnäppcher gucke?“. Er sagt das in einer Sprechblase. Was sie wohl antwortet? Ma waaß es net. Philipp Burckhardt mag das, die Szene passt in sein Konzept. Einen Prozess kreativer Offenheit wollte der jetzt 20-Jährige anstoßen, als er im März 2009 das Projekt „Kunstbuch“ begann. Burckhardt hat dafür den kreativen Schaffensprozess umgedreht: Der sonst passive Leser wird zum Buchgestalter. Sachsenhäuser, die eines der zirkulierenden Exemplare der Blindbücher in die Hände bekamen, konnten sich darin verewigen. Egal wie.

Knapp 18 Monate später hat die Idee, die Burckhardt im Rahmen des Projektes Stadtteilbotschafter der Stiftung Polytechnische Gesellschaft verwirklichte, konkrete Ergebnisse vorzuweisen – und sie hat dem Abiturienten der Schillerschule gleich auch eine eigene Ausstellung eingebracht. Bis zum Sonntag sind mehr als 50 Werke aus den Kunstbüchern im Museum für Kommunikation zu sehen. Die Vielfalt verblüfft: Fotografien, Collagen, Zeichnungen, ganze Prosa-Texten, aber auch einfach nur Grußworte sind entstanden. Die Bandbreite setzt sich in der Thematik fort. Manches illustriert Gefühlszustände, anderes dokumentiert politische Forderungen. Lothar Reith gibt sich etwa ganz der Euphorie während der Fußball-WM hin. „Afrika ist leider draußen, aber heute gegen Argentinien…“, untertitelt er sein Bild des afrikanischen Kontinents. Wenige Schritte weiter lässt Karin Hechler über eine Collage im Comicstil Schiller und Goethe gemeinsam für einer Versetzung des Schillerdenkmals auf den Goetheplatz werben. Hechlers Werk ist auch aus anderen Gründen beachtenswert: Die Leiterin der Sachsenhäuser Schillerschule hatte das erste Kunstbuch von Burckhardt bekommen. Die Bürde und das leere Blatt Papier „hat mich eine ganze Zeit beschäftigt“, erzählt Hechler.

Nach zwei Tagen und dem Entschluss zu einer Collage mit Botschaft anzufertigen, gab sie das Exemplar ins Lesecafé, von wo das Buch seine Reise durch Dutzende Hände fortsetzte. Genau dieser Ansatz gefällt auch Roland Kaehlbrandt. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft lobt die Kreativität. Das Kunstbuch würde sich „wie eine Schnur durch den Stadtteil“ ziehen, sagt Kaehlbrandt. Eben jener Aspekt hat Burckhardt allerdings auch manchen Rückschlag eingebracht. Ein eigentlich via E-Mail vorgesehener Kontakt zum jeweils aktuellen Buchbesitzer kam selten zustande. Beim Aufspüren der Bücher für die Ausstellung musste er daher nachrecherchieren und der Künstlerkette folgte. Zwei der zwölf ausgegebenen Exemplare sind momentan verschollen. „Die Quote ist aber immer noch recht gut“, sagt Burckhardt.

Aufgegeben hat er die Bücher noch nicht, zumal er das Projekt auch nicht als beendet ansieht. Die Ausstellung versteht er als „Zwischenbericht“, der neuen Schwung geben soll. Zehn weitere Bücher hat Burckhardt im Museum hinterlegt, um sie auf Reisen zu schicken. Auch die alten, noch nicht komplett gefüllten Bücher sollen wieder hinausgehen. Grenzen will der angehende Mediendesign-Student an der FH Wiesbaden nicht ziehen. Stattdessen sollen die Kunstbücher solange unterwegs sein, bis auch das letzte Blatt gefüllt ist. Burckhardt rechnet dabei mit einem Zeitraum von „vielleicht Dutzenden von Monaten“. Für den Abschluss soll dann eine weitere Ausstellung sorgen: Ob diese von der Stiftung unterstützt wird – Für Burckhardt endet das Stadtteilbotschafter-Projekt im September –, möchte Kaehlbrandt noch nicht sagen. Chancenlos scheint er nicht. „Dieses Projekt hat Poesie“, schwärmt Kaehlbrandt.

Die „Kunstbücher“ sind bis Sonntag, 29. August, im Foyer des Museums für Kommunikation, Schaumainkai 53, zu besichtigen.

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