Lade Inhalte...

Frankfurt-Dornbusch Bloß nicht in die Innenstadt

Seit 1946 ist er offizieller Stadtteil: der Dornbusch. Die Frankfurter Rundschau richtet ihren Blick auf seine Geschichten.

Das Haus Dornbusch mit seiner markanten Ecke. Foto: christoph boeckheler*

Es sind die späten 1960er Jahre, es ist Frühling und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln auf der Haut. Klar, dass es da für die kleine Anita und ihre Freundinnen nichts Besseres gibt, als sich ein leckeres Eis schmecken zu lassen. Dafür sitzen sie, wie immer auf dem Steinmäuerchen vor den Geschäften ihrer Eltern und beobachten die Leute, die die Eschersheimer Landstraße entlang flanieren.

„Danach ging es zum Fangen spielen in die Grünanlage, die zum HR-Gelände führt“, erinnert sich die heute 52-jährige Anita Schwarz. Wenn die Puste weg war, sei sie ein paar hundert Meter die Straße hinunter zur Stadtteilbücherei gelaufen, habe sich irgendein Buch geschnappt und geschmökert. Ein Ritual, das sie sich ihre ganze Jugend hindurch bewahrt habe.

Anita Schwarz ging auf die Wöhlerschule, noch heute erinnert sie sich gern an die Zeit: „Das Schönste war, in den Freistunden auf der Wiese vor dem Eingang zu liegen und zu faulenzen.“ Heute stehen dort Fahrradständer, dennoch müsse sie jedes Mal, wenn sie ihre Kinder von der Schule abholt, an diese Zeit denken.

Wenn die Glocke der Wöhlerschule den Schultag für Anita und ihre Clique beendete, kam es nicht selten vor, dass sie einen ihrer Spaziergänge zur Siedlung der Amerikaner machten. „Es war spannend, eine so fremde Welt zu beobachten: Alles hing voller Basketball-Körbe, die Familien standen auf den Terrassen und machten ihr Barbecue, irgendwann eröffnete der erste Burger King.“

Hinein gehen durften sie nicht, aber Anita Schwarz hatte das Glück, dass viele Amerikaner Kunden im Geschäft ihrer Eltern „Pelze im Dornbusch“ waren und sie so immer mal wieder mit den knallig bunten amerikanischen Süßigkeiten versorgten. Als die Amerikaner dann die Siedlungen verließen, seien Tränen geflossen, da aus einigen Stammkunden Freunde geworden waren.

Direkt oberhalb der Stadtteilbücherei befindet sich ein weiterer Ort, an dem Anita Schwarz viele Stunden ihrer Jugend verbracht hat: das Haus Dornbusch, das im Jahr 1959 als Bürgergemeinschaftshaus eingeweiht wurde. „Es war immer so eine Art Mittelpunkt für den Stadtteil, der ja durch die Bahnschienen in zwei Seiten geteilt ist und ansonsten keinen zentralen Platz hat“, sagt die 52-Jährige.

Ausstaffiert in einer aufwendigen Verkleidung hat sie als junges Mädchen selbst im Haus Dornbusch Theaterstücke vorgespielt: „Vor allem aber bin ich hier zu Faschingsveranstaltungen und Aufführungen gegangen. Früher war das einfach ein toller, großer Saal.“ Heute gefalle ihr der Saal nicht mehr so gut, auch wenn sie ihn immer noch nutze, beispielsweise für Modenschauen.

Nach der Schule war Schwarz klar, dass sie nur eines machen wollte: eine Ausbildung zur Kürschnermeisterin, um eines Tages das Geschäft ihrer Eltern zu übernehmen. In der Berufsschule lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie inzwischen 21 Jahre verheiratet ist.

„Viele haben mir damals geraten, mit dem Geschäft in die Innenstadt zu ziehen, aber das war für mich keine Option“, sagt sie. Sie liebe ihren Dornbusch, besonders das Dichterviertel, in dem sie beinahe schon ihr ganzes Leben wohnt, den belebten Alltag auf der Eschersheimer Landstraße.

Klar, dass Anita Schwarz bei so viel Liebe zum Dornbusch ein großes Interesse daran hat, sich dafür stark zu machen, dass der Einzelhandel erhalten bleibt. So hatte sie Ende der 1990er Jahre gemeinsam mit den Inhabern der umliegenden Geschäfte, Cafés und Restaurants die Idee, einen Geschäftsring zu gründen, bei dem sie seit dem ersten Tag erste Vorsitzende ist.

Inzwischen seien rund 20 Geschäfte beteiligt, die zu den regelmäßigen Treffen kommen: „Man hat so einfach bessere Chancen, sich zu organisieren und sich Gehör zu verschaffen.“ Ein besonderer Event des Geschäftsrings sei der jährlich stattfindende „Wettbewerb am Dornbusch“: Dabei gibt Anita Schwarz in jedem Jahr ein Thema und eine Stilrichtung vor, die mit Bezug auf den Stadtteil kreativ umgesetzt werden sollen. „So sind schon Krimis entstanden, die im Dornbusch spielen, zahlreiche Gemälde gemalt und Gedichte zum Stadtteil gedichtet worden.“

Die Anbindung an die Autobahn, die Nähe zur Innenstadt und ganz besonders der Ausblick von ihrem Balkon im Dichterviertel Richtung Taunus, alles Dinge, die Anita Schwarz nicht mehr missen möchte. „Vielleicht ist es nicht der hübscheste Stadtteil, wenn man hineinfährt, aber die Menschen machen ihn für mich zum schönsten, den ich mir vorstellen könnte.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen