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Frankfurt-Bornheim Als das Dorf noch ein Dorf war

Die ehemalige Ortsvorsteherin Hedi Tschierschke ist Ur-Bornheimerin. Damals, als sie im Bauernhaus ihrer Großeltern aufwächst, geht es in dem Stadtteil ganz anders zu als heute: Bornheim ist zu dieser Zeit noch ein Dorf.

Die Sozialdemokratin ist Urbornheimerin.Christoph Boeckheler. Foto: christoph boeckheler*

Wenn Hedi Tschierschke aus ihrem Küchenfenster an der Großen Spillingsgasse blickt, kann sie in die Vergangenheit schauen. Dann werden Erinnerungen wach an eine Zeit, in der Bornheim noch dörflich war. Als Bauern mit ihren Pferdefuhrwerken durch die engen Gassen rund um die Zwiwwelkerch zuckelten, und im Herbst die Keltereien mit Lastwagen voll Äpfeln vorbeidröhnten.

Nur wenige Tage nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die ehemalige Vorsteherin des Bornheimer Ortsbeirats im Bauernhaus ihrer Großeltern geboren. Dort wuchs die Sozialdemokratin auf, später errichtete sie mit ihrem Mann auf dem Anwesen einen Neubau, in dem sie heute mit ihrer Familie lebt. „Zum Spielen gab es im Hof und in unserer Scheune reichlich Platz“, sagt sie. „Auf dem Pritschenwagen habe ich oft Kutscher gespielt.“

Drei weitere Bauernhöfe gab es in der Gasse neben dem Gehöft ihres Großvaters. Bis 1951 führte er den Hof, „wir hatten ein Pferd, Hühner und eine Ziege“, erinnert sich Tschierschke. Zuletzt sei es immer schwieriger geworden für ihren Großvater: Eines seiner Felder habe jenseits der Friedberger Landstraße gelegen, „da kam man kaum noch hin“.

„Eigentlich hat sich meine ganze Kindheit im alten Bornheim abgespielt“, sagt die 70-Jährige. Damals gab es überall kleine Betriebe: Schuster, Milch- und Gemüsegeschäfte, Spielwaren- und Kurzwarenläden. „Da mussten wir nicht bis nach Bornheim Mitte runter.“ Dorthin, wo heutzutage das Zentrum des Stadtteils liegt, mit dem Wochenmarkt und Einkaufsmöglichkeiten.

Im sogenannten Bornheimer Rathaus neben der Apfelweinwirtschaft Zur Sonne an der Berger Straße, lebte einer ihrer Onkel. „In den langen Fluren im ersten Stock habe ich mit meinen Cousins getobt“, erzählt Tschierschke. Im Erdgeschoss habe es ein Farbengeschäft gegeben. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Da gibt es ganz andere Vorschriften.“ Bevor die Firma Eifler ihr erstes Geschäft Berger/Ecke Falltorstraße eröffnet habe, sei dort bereits eine Bäckerei gewesen. „Die haben im Keller gebacken.“ Ihre Familie habe ihr Brot meist bei „Braumann“ gekauft – heute kann man sich dort die Hände maniküren lassen. Besonders die Kruste ist ihr in Erinnerung geblieben. „Die habe ich auf dem Heimweg abgeklaubt – und manchmal dafür geschimpft bekommen.“

Nur wenige Häuser weiter war die Metzgerei Bröllos, in der die Cousine ihrer Mutter gearbeitet hatte. „Da habe ich oft eine Scheibe Fleischwurst bekommen. Das war etwas Besonderes: Wurst ohne Brot hat man damals nicht essen dürfen.“ Tschierschke genoss die Leckerei. „Ich habe immer nur kleine Stückchen abgebissen.“

Heutzutage gibt es nur noch wenige Geschäfte an der Berger Straße oberhalb des Hohen Brunnens, „es ist schwierig, für die Läden sich halten“, sagt die gelernte Chemielaborantin und Erzieherin. Die Mieten seien vielen zu teuer. Noch immer gibt es in dem Abschnitt einige ältere Gebäude. Einzelne Fachwerkhäuser und Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende. Doch überall ragen dazwischen Bausünden der 50er, 60er und 70er Jahre empor.

In der Nachkriegszeit sei vieles abgerissen worden und weggekommen, „da herrschte eine andere Stimmung“. Die Stadt etwa habe es untersagt, dass ihre Familie, nachdem sie den elterlichen Hof abgebrochen hatte, ein Haus mit Giebel zur Straße hin baut, ähnlich den angrenzenden Fachwerkhäusern. In dem Neubau wohnt sie mit ihrem Mann, ihrer Tochter und deren Familie.

Wenigstens vier Generationen ihrer Familie besuchten die Kirchnerschule: Tschierschkes Mutter, Tochter und ihr Enkel. „Da gibt es viele Verbindungen.“ Während die Grundschule an der Berger Straße derzeit Raumsorgen plagen, fehlten in Tschierschkes Kindheit Lehrer. In zwei Schichten hätten die zeitweise arbeiten müssen. „Eine Woche lang hatte ich vormittags Unterricht, und eine Woche nachmittags.“

Viel Zeit ihrer Jugend verbrachte sie im Jugendhaus in der Ortenberger Straße. „Zeitweise habe ich dort sogar geduscht. Zuhause hatten wir noch kein Bad.“ Dort besuchte sie auch Gruppenstunden des sozialistischen Jugendbunds „Die Falken“. Dass die Stadt jetzt den dortigen Hort und die Räume der Falken für eine Inobhutnahmestelle für Kinder verlegen möchte, ärgert sie.

Die Falken haben für Tschierschke eine wichtige Rolle gespielt. Aus der Bewegung ist der Verein KidS, Kinder in der Stadt, hervorgegangen, den sie lange als Geschäftsführerin leitete. Auch lernte sie dort, sich für Themen einzusetzen und zu kämpfen – das Rüstzeug für ihre Arbeit als Ortsvorsteherin. Denn Hedi Tschierschke hat nicht nur einen historischen Blick auf Bornheim. 18 Jahre lang war sie für die SPD im Ortsbeirat aktiv – bis 2011. Zunächst als Kinderbeauftragte, dann 15 Jahre als Ortsvorsteherin. Als Lokalpolitikerin kehrte sie an viele der Stätten ihrer Kindheit zurück. So engagierte sie sich etwa dafür, dass die Stadt die Kirchnerschule sanierte und die eine Spielelandschaft erhielt.

Im Ortsbeirat hat sie sich auch dafür eingesetzt, dass die Bernemer Kerb wieder zurück ins Dorf gekommen ist, vor die Johanniskirche. Bis 2002 hatte das Kirchweihfest über Jahre an der Inheidener Straße stattgefunden. Tschierschke und viele Bornheimer erinnerten sich, dass ursprünglich rund um die Zwiwwelkerch gefeiert wurde. Mit dem Kerbeverein holten sie das Traditionsfest zurück. Auch der Kerbebaum ragt jetzt neben dem Gotteshaus in den Himmel.

Weniger erfolgreich war ihre Bemühung, die Bürger zu bewegen, zur Kerb ihre Häuser schmücken. Dazu rief sie sogar einen Wettbewerb für das schönste Gebäude aus. Die Resonanz war gering. Kein Grund für Tschierschke, ihr eigenes Haus nicht weiterhin zu schmücken. „Das hatte mein Vater schon immer gemacht“

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