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Frankfurt-Bockenheim Seit 130 Jahren gegen den Krieg

Der Frankfurter Friedensverein war einst bundesweit Vorreiter der pazifistischen Bewegung. Am heutigen Donnerstag wird das Jubiläum im Westend gefeiert.

19.10.2016 16:50
Jan Klauth
Bundessprecher Thomas Carl Schwoerer ist seit 40 Jahren in der Friedensbewegung aktiv. Foto: Christoph Boeckheler

Als „halbe Narren und nicht ernst zu nehmende Idealisten“ wurden die 50 Mitglieder des Frankfurter Friedensvereins bei der Gründung 1886 verspottet. In Zeiten von Kriegserfolgen wollte man von der Idee des Völkerfriedens in Regierungskreisen nichts hören und stellte die Versammlungen unter Polizeiüberwachung. Obwohl sie als „unpatriotisch“ oder „politisch verdächtig“ diskreditiert wurden, hielt die Truppe um den Vereinsgründer und Frankfurter Anwalt Franz Wirth an den pazifistischen Idealen fest. Weil sich immer mehr Menschen anschlossen und der Verein mit europäischen Friedensgesellschaften etwa in London und Paris kooperierte, machten die Frankfurter im Reichsgebiet auf sich aufmerksam und leisteten damit die Vorarbeit zur Gründung der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) 1892.

Jetzt wird Jubiläum gefeiert: 130 Jahre alt wird die Frankfurter Gruppe der DFG und lädt zum Fest in den Räumen der Evangelisch-Reformierten Gemeinde im Westend ein. Einen Überblick zur Geschichte des Verbandes werden Pfarrer Bendix Balke und Bundessprecher Thomas Carl Schwoerer geben und dabei spannende Kapitel der Bewegung beleuchten.

Trotz der Unterdrückung in den Anfangsjahren stießen die Forderungen gegen Imperialismus auf wachsendes Interesse in der Bevölkerung: Zur Jahrhundertwende gründeten sich über 100 Ortsgruppen und zu Kriegsbeginn 1914 war die Bewegung auf 10 000 Mitglieder angewachsen – allerdings konnten auch sie nichts gegen den Ausbruch des Weltkrieges unternehmen.

Nach dem Ersten Weltkrieg waren bis zu 30 000 Menschen bundesweit in der Bewegung aktiv. Interne Richtungskämpfe und Angriffe des rechten Militarismus schwächten die Pazifisten, nach der Machtübernahme der NSDAP wurde die Organisation 1933 zerschlagen. Mitglieder wurden verfolgt, inhaftiert und ermordet, andere retteten sich ins Exil.

1946 wurde die Organisation in Stuttgart neu gegründet, wieder schlossen sich 10 000 Menschen an, nun mit Forderungen wie dem Recht auf Kriegsdienstverweigerung oder gegen die Wiederbewaffnung. Mit dem starken Zuspruch bei den Protesten gegen den Vietnamkrieg in den 70er Jahren, änderte der Verein seinen Namen in Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) und führte das bis heute bestehende Logo eines zerbrochenes Gewehrs ein. Später trat die Friedensvereinigung vor allem für das Ende des Kalten Krieges, gegen Atomwaffen und für eine weltweite Abrüstung auf – etwa mit Menschenketten.

Um die Frankfurter Gruppe ist es in den vergangenen Jahren etwas ruhiger geworden. Wobei sie erst im September in ihren Räumen in der Mühlgasse 13 in Bockenheim die Ausstellung „Wirksam ohne Waffen“ organisiert hatten. Dort wurde etwa gegen die Rekrutierungsversuche der Bundeswehr protestiert. 70 Schüler lauschten zudem dem Vortrag eines Hiroshima-Überlebenden.

Die Forderung nach gewaltfreien Konfliktlösungen ist hoch aktuell, sagt Thomas Carl Schwoerer. Der Neu-Isenburger Autor und Verleger, der bis 2015 den Campus-Verlag führte, ist in Brasilien und den USA aufgewachsen, bevor er als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Frankfurt kam. Seit über 40 Jahren engagiert er sich beim DFG-VK und befasst sich mit aktuellen Konflikten in Syrien oder dem Sudan. Sein aktuelles Buch „Mit dem IS verhandeln? Neue Lösungen für Syrien und den Terrorismus“ wird er heute Abend ebenfalls vorstellen – und seine kontroverse Forderung begründen: „Verhandeln statt schießen – auch mit dem Islamischen Staat.“

Die Feier zu 130 Jahre Frankfurter Friedensverein findet am heutigen 20. Oktober ab 19 Uhr in der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Frankfurt, Freiherr-vom-Stein Straße 8, statt.

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